Das Rennen ihres Lebens

von Redaktion

Anna Elendt, neue 100-m-Brust-Weltmeisterin, von sich selbst geschockt

Auf dem WM-Podest ganz oben – dabei wollte Elendt schon fast mit dem Schwimmen aufhören. © Ismail/EPA

Nicht zu fassen: Anna Elendt sieht die „1“. © dpa

Zweites Becken-Gold für Deutschland: Anna Elendt sorgte für die Sensation. © dpa

Singapur – Ungläubig starrte Anna Elendt auf die Videowand in der WM-Arena. Als vor ihrem Namen die „1“ aufleuchtete, schlug die Sensations-Weltmeisterin die Hand vor den Mund. „Ich habe das rote Licht am Block gesehen, da wusste ich, dass es eine Medaille ist“, sagte die 23-Jährige nach ihrem Goldrennen mit deutschem Rekord über 100 Meter Brust: „Als ich auf die Anzeigetafel geschaut habe, war ich absolut sprachlos.“

Nach drei schwierigen Jahren und Gedanken über das vorzeitige Karriereende meldete sich die Wahl-Amerikanerin mit dem völlig unerwarteten WM-Titel zurück – der dem deutschen Beckenteam einen historischen Erfolg bescherte: Erstmals seit den Siegen von Britta Steffen und Paul Biedermann vor 16 Jahren standen bei einer Weltmeisterschaft wieder zwei Deutsche ganz oben auf dem Podest.

Zwei Tage nach dem Triumph von Olympiasieger Lukas Märtens über 400 m Freistil schwamm Elendt in Singapur das Rennen ihres Lebens. Zur Halbzeit schon starke Zweite, ließ sie auf der zweiten Bahn die gesamte Konkurrenz um die amerikanische 200-m-Olympiasiegerin Kate Douglass in 1:05,19 Minuten hinter sich – obwohl sie ganz außen schwimmen musste. „Als ich die Zeit gesehen habe, war es erst mal ein Schock“, sagte die WM-Zweite von 2022, die seit fünf Jahren in den USA lebt und trainiert.

Weil zuletzt im Stress zwischen Studium und Schwimmteam der University of Texas in Austin der sportliche Erfolg auf der Strecke geblieben war, dachte sie nach Platz 20 bei Olympia in Paris ans Aufhören. „Drei Jahre lang wieder und wieder enttäuscht zu werden, immer wieder weiter zu trainieren, das macht natürlich keinen Spaß“, berichtete sie. Auch bei der WM 2023 war sie schon im Vorlauf ausgeschieden.

„Am Ende war die Entscheidung, ob ich aufhören möchte und mein Leben ohne Schwimmen weiterlebe oder ob ich es noch mal probiere und noch mal angreife“, sagte sie. Sie entschied sich fürs Weitermachen, weil sie ihr Studium beendet hatte und nicht mehr fürs Collegeteam schwimmen musste. „Ich schwimme nur noch für mich“, betonte die Frankfurterin: „Es macht deutlich mehr Spaß. Man sieht, zum Glück funktioniert es.“

Deshalb blieb sie auch nach ihrem Abschluss in Business und Sportmanagement in den USA. Elendt trainiert weiter mit der Tokio-Olympiasiegerin Lydia Jacoby, arbeitet zusätzlich aber in Teilzeit als „Brand Creative Coordinator bei einer Financial-Technologies-Firma, eine Art Projektmanager“, wie sie erzählte: „Das ist eigentlich ganz angenehm. Ich sitze nicht den ganzen Tag zu Hause und drehe Däumchen, sondern ich schwimme, arbeite vier Stunden am Tag und gehe dann wieder ins Training.“ Die Freude an ihrem Sport, die sie zwischenzeitlich verloren hatte, ist zurückgekehrt: „Ich fühle mich deutlich gelassener und glücklicher als in den letzten Jahren.“

Nach der zweitbesten Zeit im Vorlauf musste sich Elendt im Halbfinale als Siebte ein bisschen mehr strecken, um den Endlauf zu erreichen. „Im Finale zu sein, nimmt bei mir total den Druck raus“, sagte sie anschließend, „das war mein Ziel, jetzt will ich einfach Spaß haben.“ Den hatte sie.SID

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