„Wir trauen uns zu träumen“

von Redaktion

Nürnbergs Sportvorstand Joti Chatzialexiou über Trüffelschweine und Transfererlöse

Talententwickler unter sich: Joti Chatzialexiou (links) und Miroslav Klose bilden Nürnbergs Führungs-Duo. © IMAGO/Zink

Am Freitag (20.30 Uhr/Sky, Sat1) beginnt die Saison in der Zweiten Fußball-Bundesliga mit der Partie Schalke 04 gegen Hertha BSC. Der Sportvorstand des 1. FC Nürnberg, Joti Chatzialexiou, erwartet ein hochspannendes Spieljahr. Warum der ehemalige DFB-Sportchef so konsequent auf Talente setzt und was er von Trainer Miroslav Klose hält, erklärt der 49-Jährige im Interview.

Wenn man den Namen Joti Chatzialexiou googelt, kommt man schnell auf die Bezeichnung „Trüffelschwein“. Nehmen Sie das als Kompliment wahr?

Ja, klar. Das ist ein Wording, das ich bei uns intern eingeführt habe im Gespräch mit unseren Scouts. Weil wir Trüffelschweine sein müssen, um Talente frühzeitig zu entdecken.

Sie haben für die kommende Saison zunächst sechs Spieler verpflichtet, die zwischen 17 und 20 Jahren alt sind, darunter zwei U19-Spieler von Eintracht Frankfurt. Warum setzen Sie so konsequent auf Jugend?

Wir schauen sehr genau, welches Potenzial wir in einem Spieler erkennen können, was ihn mit seinem Bewegungsmuster, seiner Spielintelligenz und seinem Verhalten auf dem Platz auszeichnet, auch wenn er körperlich vielleicht noch nicht so weit ist. Dazu braucht es einen Trainer, der den Mut hat, junge Spieler einzusetzen.

Den haben Sie mit Miroslav Klose?

Absolut. Er ist ein wundervoller Mensch. Wir haben schon in unserer gemeinsamen Zeit beim DFB ein gutes Verhältnis aufgebaut, nie den Kontakt verloren und einen hervorragenden Austausch.

Manche Leute haben eher vor dem Risiko gewarnt, Klose zu holen.

Ich habe vor allem die Chance gesehen. Mit Miro erfolgreich zu sein, potenziert viele Themen: in der Fanbase, im Sponsoring, wo Menschen durch seine Bodenständigkeit wieder eine Identifikation mit dem Verein entwickeln, auch in der überregionalen Wahrnehmung.

Und in der täglichen Arbeit?

Da merkst du, dass er ein Toptrainer werden will, der jeden Tag hart an sich arbeitet. Das erwartet er auch von seinen Jungs. Die spüren das. Wir hatten in der vergangenen Saison an zwölf Spieltagen die jüngste Mannschaft der zweiten Liga auf dem Platz. Das ist ein Weg, den wir bewusst gehen. Wir machen das aus einem finanziellen Aspekt, aus einem Entwicklungsaspekt und aus einem Identifikationsaspekt.

Was heißt das?

Das bedeutet, dass wir dem Club wieder ein Gesicht geben wollen. Für Jugend zu stehen, ist etwas, was uns guttut. Es spricht sich schon herum, dass Talente sich bei uns entwickeln können. Natürlich wird der Club für den einen oder anderen nicht der letzte Schritt sein. Das haben einige Jungs ja schon bewiesen.

Was tun Sie für die jungen Spieler?

Wir fördern sie möglichst gut. Dafür haben wir immer vier bis fünf Trainer auf dem Platz und trainieren positionsspezifisch. Die Jungs werden im Detail gecoacht. Wir haben zuletzt lieber im Fitnessbereich, der Sportpsychologie und beim Ernährungsteam in gutes Personal investiert als in durchschnittliche Beine. Für die Zukunft ist ein solches Vorgehen viel wichtiger.

Sie haben seit Ihrer Amtsübernahme im Mai 2024 für fast 50 Millionen Euro Spieler verkauft. Topleute wie Tzimas, Uzun, Brown, Castrop, Jeltsch sind nicht mehr da, womöglich bald Jander. Ist der 1. FC Nürnberg jetzt reich?

Das denken die Kollegen anderer Klubs, mit denen ich spreche, leider auch. Glauben Sie mir: Wir müssen wirtschaftlich dringend weiter gesunden. Aber inzwischen haben wir uns eine stärkere Verhandlungsposition erarbeitet. Wir sind auf Transfererlöse nicht mehr in diesem Maße angewiesen. Das ist ein besseres Fundament, um die Mannschaft aufzubauen, damit wir in den nächsten zwei, drei Jahren vielleicht oben auch wieder eine Rolle spielen können.

Der Hamburger SV und der 1. FC Köln sind raus Liga zwei. Die ist in der öffentlichen Wahrnehmung jetzt nicht mehr die beste zweite Liga aller Zeiten. Wie sehen Sie das?

Klar, die Liga lebt von ihren Emotionen. Der HSV und Köln haben bei Auswärtsspielen massenweise Fans mitgebracht und zu Hause stets vor ausverkauften Häusern gespielt. Da geht also etwas verloren. Aber die Vermutung liegt nahe, dass die zweite Liga noch spannender wird als letzte Saison. Es wird, glaube ich, viele Mannschaften geben, die sowohl um den Aufstieg als auch um den Klassenerhalt spielen werden.

2016 ist der Club in der Relegation an Eintracht Frankfurt gescheitert. Die Eintracht spielt inzwischen in der Champions League. Ist eine Entwicklung wie in Frankfurt möglich?

Der Club hat, wie die Eintracht, eine große Power. Das habe ich jetzt bei den 125-Jahr-Feierlichkeiten erleben dürfen. Wir haben allein 60000 Sondertrikots verkauft. Aber wir benötigen unbedingt ein neues Stadion. Das ist sehr, sehr relevant für uns. Die Schere ist seit dem Relegationsspiel 2016 sehr weit auseinander gegangen. Es ist ein weiter Weg für den Club, sich mit Eintracht Frankfurt zu messen. Doch das Vorbild zeigt uns, was möglich ist. Wir trauen uns zu träumen.

JAN CHRISTIAN MÜLLER

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