Schöne Pfade? Mittlerweile eher Matschfelder.
Die Regenjacke – ein ständiger Begleiter von Lehmann.
Durchhalten: Monaco ist das große Ziel. © Insta
Rückzugsort: Kalus und Lehmann schlafen in einem Van, liebevoll Rosi getauft.
„Lass uns mal was richtig krasses machen“: Susi Lehmann (r.) und Magdalena Kalus laufen durch acht Länder. © Haubold
„Diese Aussicht treibt dich an“: Kalus und Lehmann lieben Ultraläufe in den Bergen. © @ravirfilm
München – „Ich kämpfe mich gerade zur Kleinen Scheidegg im Grindelwald hoch“, beginnt Susi Lehmann die Sprachnachricht: „Ich hoffe, es ist okay, wenn ich etwas schwerer atme.“ Lehmann läuft seit über 30 Tagen auf der Via Alpina. Wobei laufen in den vergangenen Tagen nicht immer das richtige Wort war. Am 2200 m hohen Foopass in den Glarner Alpen bildeten sich reißerische Sturzbäche. Abbruch nach sieben Kilometern. Am Klausenpass schwankte die Temperatur zwischen null bis drei Grad. Und an einem anderen Tag „war ich bis auf den Schlüpper nass“, sagt Lehmann: „Das ist wirklich das Worst-Case-Szenario. Die Kuhwiesen sind nur noch reinste Matschfelder, da bleibst du mit den Schuhen stecken.“ Die 39-Jährige absolviert mittlerweile den Großteil der Etappen alleine, und um einen Rekord geht es schon lange nicht mehr.
Der Plan sah so aus: Die Extremsportlerinnen Lehmann und Magdalena Kalus laufen 2000 Kilometer über die Alpen, durchqueren dabei acht Länder – mit 110 000 Höhenmetern. Von Triest nach Monaco, ein Ultra-Marathon mit rund 60 Kilometer pro Tag. Normalerweise wird die Route in 120 Etappen aufgeteilt. Kalus und Lehman (Anfang Juni gestartet) hatten weniger als 35 Tage eingeplant, um den Rekord von Jake Catterall zu brechen.
Doch das anhaltende Unwetter machte ziemlich schnell einen Blitz durch die Rechnung. Und nicht nur das Wetter sorgte für Sorgenfalten, sondern auch der Knöchel von Kalus. Arzt, Physiotherapeut, alles versucht, doch es ging einfach nicht mehr. Auch Übelkeit und Erbrechen plagten die studierte Veterinärmedizinerin. „Ein Ultralauf ist wie das Leben“, sagt Lehmann: „Man kann nicht immer alles planen und vorhersehen. Maggy unterstützt jetzt das Support-Team und läuft Teilabschnitte mit.“
Rosi ist ebenfalls Teil des Support-Teams, besonders wichtig für die Moral. Eine motorisierte Heldin auf vier Rädern. Wichtig für die Pause, die Verpflegung, das Schlafen, die Moral. Rosi ist ein Van, der an vorher ausgemachten Spots auf die Ausdauer-Athleten wartet.
Bei Lehmann hat die Liebe fürs Laufen mit fünf Kilometern im Park angefangen. „Das war ganz fürchterlich und hat überhaupt nicht funktioniert. Aber ich bin immer dran geblieben, ich habe mich einfach Jahr für Jahr gesteigert.“ Marathons in Tokio, Berlin, Chicago, New York, London, Boston. Und dann die Frage: Warum nicht weiter laufen als ein Marathon? Lehmann wohnt in Kochel am See, faszinierte sich schnell für das Trailrunning. „Du weißt nie, was passiert. Das ist eine Wundertüte. Auch wenn die ersten 50 Kilometer gut laufen, können die nächsten 50 Kilometer aus der Hölle kommen.“
Kalus wohnt am Walchensee und hat „das Talent, lange Zeit am Stück auf den Beinen zu stehen. Ich bin eher der Bergtyp, klettern, Skitouren. Ich habe schnell gemerkt, dass ich mit den langen Distanzen überdurchschnittlich gut zurechtkomme. Irgendwann haben wir gesagt: Lass uns mal was richtig krasses machen.“
Die Freundinnen bezwangen mehrere 100-Meiler zusammen, umrundeten La Gomera, liefen durch Madeira. Den Marathon des Sables durch die Sahara. Den Eiger Ultra Trail über 250 km. Und nun eben die Via Alpina. Steinböcke haben sie schon gesehen, Kühe, Pferde, Esel, Hüttenhunde, Murmeltiere. Der Nationalpark Triglav in Slowenien war magisch, die Dolomiten spektakulär. „Wenn alles gleich aussieht, ist es unfassbar hart“, sagt Kalus: „Aber die Aussicht in den Bergen begeistert immer wieder. Wenn du auf die Eiger Nordwand schaust, treibt dich das an.“
Monaco bleibt das Ziel. Irgendwann zwischen dem 18. und 26. August soll die Ankunft sein. „Jeden Tag musst du bei Wind und Wetter aufbrechen. Das ist mental anspruchsvoll, aber ich bin körperlich noch gut beieinander“, sagt Lehmann: „Das ist schon eine krasse Reise.“NICO-MARIUS SCHMITZ