Doppel-Olympiasieger: Remco Evenepoel zeigte in Paris, dass er große Rennen dominieren kann. © Mill/Imago
Florian Lipowitz fuhr dieses Jahr in Paris aufs Podest der Tour de France, hier mit Freundin Antonia Weeger.
München – Remco Evenepoel saß im schwarzen Hemd am Edelholztisch seiner Stammanwälte, hielt seine gewaltige Schweizer Sponsoren-Uhr in die Kamera – und ließ bei der Vertragsunterschrift seinen halbnackten Fußball-Kumpel Romelu Lukaku per Videoanruf aufs Handy schalten. Zweifelsfrei: Mit dem belgischen Rad-Olympiasieger hat das deutsche Red-Bull-Team reichlich Glamour verpflichtet. Popstar Remco und der bodenständige Schwabe Florian Lipowitz sollen als Herz der Mannschaft zusammenwachsen. Ein ambitioniertes Projekt.
Als „Meilenstein“ bejubelte Bora-Teamchef Ralph Denk den „Remcoup“. Meilensteine haben ihren Preis, den Red Bull wie gewohnt nicht bezifferte. Jedenfalls wird eine satte Ablösesumme für den ursprünglich noch bis Ende 2026 an Soudal Quick-Step gebundenen Evenepoel fällig, dessen Jahressalär von bislang fünf Millionen Euro (weltweit nur von Tadej Pogacar überboten) sicherlich steigen dürfte.
Ralph Denk: „Starkes Signal“
„Remcos Ankunft“, sagte Denk, „ist ein starkes Signal.“ Eines, das auch bei Lipowitz angekommen sein dürfte. Neun Tage nach dem Ende der Tour de France, bei der er sich mit Platz drei in der Gesamtwertung als Mann der Zukunft positioniert hatte, bekommt der 24-Jährige einen nur ein Jahr älteren Branchen-Topstar zumindest neben die Nase gesetzt. Der wie Ex-Biathlet Lipowitz Quereinsteiger ist: Evenepoel kommt aus dem Fußball, war Kapitän von Belgiens U16-Nationalmannschaft, wie Lukaku ist er ein Spross Anderlechts.
„Ich glaube, dass wir auch zusammen etwas Gutes erreichen könnten“, hatte Lipowitz nach der Tour gesagt. Dort bewies sich der Noch-Lehrling teamintern bereits gegen einen hochprominenten Rundfahrer: Vuelta-Sieger Primoz Roglic steht auch 2026 beim „Allstar-Team“ aus Raubling unter Vertrag.
Von Evenepoel gab es – nicht unüblich mitten in der Saison – keine Statements zu seinen Erwartungen im Werksteam des Süßbrause-Herstellers aus Fuschl am See. Evenepoel kommt aber mit klaren Herrschafts-Ansprüchen zu Red Bull, wo seit dem 1. August in Coach Sven Vanthourenhout ein Vertrauter wirkt. „Remco will nicht mitfahren“, weiß auch Denk: „Er will prägen.“ Und die Tour gewinnen, spätestens nach 2029, wenn – wie gemunkelt – Dominator Pogacar aufhört.
Schon in seinen Quick-Step-Jahren, wo ihn stetig Wechselgerüchte umwehten, war Evenepoel oft eine „Ich-AG“. In Belgien sorgt sein Abgang durchaus für Verstimmung. „Das Team vor Vertragsende zu verlassen, zeugt von wenig Respekt. Nun bleibt der bittere Nachgeschmack von Undankbarkeit und Egozentrik“, schrieb die Tageszeitung Het Nieuwsblad. Und auch beim Noch-Team war Bitternis schmeckbar.
„Es ist eine Erleichterung, dass Klarheit herrscht“, sagte Teamchef Jürgen Foré: „Wir haben alles getan, um Remco glücklich zu machen. Jetzt möchte ich ein neues Kapitel beginnen.“ Über die Ablösesumme wollte auch Foré nicht sprechen, es sei ein „angemessener Betrag“. Von einer möglichen juristischen Eskalation habe er Abstand genommen: „Obwohl Sponsoren wie Soudal es vorziehen würden, wenn der Vertrag eingehalten würde, haben wir beschlossen, nicht vor Gericht zu gehen.“
Evenepoel hat seinen Willen bekommen, Denk seinen Wunschprofi und besitzt nun im Belgier sowie Lipowitz und Roglic drei Rundfahrer mit großen Ansprüchen, die sich beißen könnten. „Ich würde mich freuen“, hatte Lipowitz mit Blick auf den Evenepoel-Transfer gesagt. Für eine nachhaltige Freude muss Denk sorgen.