TURNEN

Momente zum Genießen

von Redaktion

Die Welt steht Kopf: Zapf am Reck. © Schmidt/dpa

München – Die knapp 600 Kilometer aus Berlin nach Aschheim bei München fuhren sich fast wie von selbst. Wenn man drei Tage in der Turnhalle, drei Tage Anspannung, drei Tage volle Konzentration hinter sich hat, können die Akkus schon mal leer sein, aber am vergangenen Sonntag war bei Valentin Zapf genau das Gegenteil der Fall. „Auf der Rückfahrt war ich einfach nur beflügelt“, sagt der Unterföhringer Turner und grinst. Man merkt: das Glücksgefühl hält noch an. Verständlich, denn in seinem Gepäck hatte Zapf gleich drei Medaillen von den Deutschen Meisterschaften, die im Rahmen der „Finals“ ausgetragen wurden.

Es sind die ersten dieser Art, die der 23-Jährige gewonnen hat, einen „Ehrenplatz im Regal“ also haben sie schon. Aber sie sind nicht nur aus diesem Grund besonders. Zapf gibt offen zu: „Wenn mir jemand vor zwei Monaten gesagt hätte, dass ich in Berlin auf dem Podium stehe, hätte ich ihn fast für verrückt erklärt.“ Das liegt allerdings nicht daran, dass Zapf nicht an sich selbst glaubt, sondern an all dem, was seit 2023 passiert ist. Als „schwere Zeit“ bezeichnet der für den TSV Unterföhring startende junge Mann die zurückliegenden zwei Jahre. Verletzungen, ein mentales Loch – Gedanken an ein Karriereende spukten nicht nur einmal in seinem Kopf. Aber er machte weiter, bis zu diesem (vorläufigen) Happy End in Berlin.

Bronze im Mehrkampf war schon ein Fingerzeig, bei den Gerätefinals am Sonntag kamen noch Bronze am Barren und Silber an seinem Paradegerät Reck dazu. Immer wieder wurde Zapf, ein vergleichsweise großer und muskulärer Turner, im Fernsehen eingeblendet, weil er auf dem Platz des temporär Führenden saß. Er lachte, unterhielt sich mit den Konkurrenten, er wirkte locker. Und genau das ist auch das Rezept, das ihn, den mehrfachen deutschen Jugendmeister, zurück in die Spur gebracht hat. „Für mich war der Wettkampf relativ leicht, denn ich hatte keinen Druck“, erzählt er. Weil niemand, nicht mal sein Trainer Julius Rabenstein, „große Erwartungen in mich hatte, konnte ich mit Spaß an die Sache gehen“. Die Momente auf dem Podium waren welche „zum Genießen“, und vor allem waren sie „nicht vergleichbar mit früher“. Auch das, sagt er, „ist ein Learning aus den letzten Jahren“.

In der kommenden Bundesliga-Saison startet Zapf nicht mehr für die TV Schwäbisch Gmünd-Wetzgau, sondern für seinen Heimatverein TSV Unterföhring in der 2. Liga. Schritt für Schritt will er sich seinen Kaderstatus zurück erkämpfen. Die WM im Oktober in Tokio kommt für ihn noch zu früh, da will er sich nichts vormachen. „Es fehlt noch was“, sagt Zapf. Aber das Gefühl, auf einen Zug aufgesprungen zu sein, der wieder Vollgas geben kann, tut nicht nur gut – es beflügelt. So wie die Medaillen im Handgepäck.HANNA RAIF

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