BASKETBALL

„Der Himmel ist unsere Grenze“

von Redaktion

Tristan da Silva über die NBA, das Nationalteam und Bruder Oscar

Für Deutschland zu spielen, ist für da Silva eine Ehre – so wie hier beim Test gegen Slowenien . © IMAGO/Zimmermann

2021 trafen Tristan (links) und Bruder Oscar da Silva im College-Spiel zwischen den Colorado Buffaloes und Stanford Cardinal aufeinander. Jetzt sind sie im DBB-Kader vereint. © IMAGO/Isaiah J. Downing

Auf der großen Bühne: Für die Orlando Magic steht der 24-Jährige auf dem NBA-Parkett. © IMAGO/Stephen M. Dowell

Hälfte bayerisch, Hälfte brasilianisch: Tristan da Silva aus München beim NBA-Draft 2024 in Brooklyn, New York. © Instagram

München – Für Tristan da Silva reiht sich derzeit ein Highlight ans Nächste. Seit der vergangenen Saison spielt der Münchner Seite an Seite mit den deutschen Brüdern Moritz und Franz Wagner bei den Orlando Magic in der NBA. In diesem Sommer folgte das nächste Kapitel: das Debüt im Nationaltrikot. Für den EM-Kader (27.8. bis 14.9.) ist der 24-Jährige gesetzt. Welche Bedeutung all das für ihn hat, welche Ziele er noch erreichen will und welche Rolle dabei sein älterer Bruder Oscar da Silva (FC Bayern Basketball) spielt, verrät der Small Forward im exklusiven Interview mit unserer Zeitung.

Tristan, vor ein paar Tagen gegen Slowenien haben Sie ihre ersten beiden Spiele für die Nationalmannschaft absolviert. Wie groß war die Umstellung zum NBA-Basketball?

Ein bisschen anders ist es. Aber am Ende des Tages, glaube ich, ist es immer noch Basketball. Natürlich gibt es im europäischen und amerikanischen Basketball Unterschiede, aber obwohl ich die vergangenen fünf Jahre in Amerika gespielt habe, gewöhnt man sich relativ schnell wieder dran.

Die EM ist das erste große Turnier für Sie. Was ist drin?

Ich glaube, wichtig ist einfach, dass man jeden Tag gezielt und mit Fokus angeht. Mit dem Talent und der Erfahrung, die wir in der Mannschaft haben, sage ich: The Sky is the Limit (Der Himmel ist die Grenze, Anm d. Red.).

In Ihrem NBA-Rookie-Jahr haben Sie gezeigt, wie vielseitig Ihr Spiel ist. Sie haben eine gute Übersicht, punkten durch Drives und einen guten Wurf haben Sie auch. Gibt es überhaupt Schwächen?

Mein Fokus im Sommer liegt darauf, noch effizienter und konstanter zu sein kann, denn während der Saison war es oft ein Auf und Ab.

Erst einmal steht der Supercup in München an. Wie cool ist es für Sie in ihrer Heimatstadt zu spielen – und dann auch noch mit Ihrem Bruder Oscar (26) gemeinsam auf dem Court?

Ja, das ist leider bisher nicht so häufig passiert. Schon alleine zusammen zum Spiel zu fahren und neben ihm auf der Bank zu sitzen, freut mich einfach. Und ich feiere ihn natürlich zehnmal mehr an als jedes andere Teammitglied. Die paar Minuten, die wir bisher gleichzeitig auf dem Feld standen, waren unglaublich. Jetzt weiß ich, wie sich die Wagner-Brüder fühlen.

Welche Rolle hat Oscar in Ihrer Karriere gespielt?

Oscar hat mir Basketball gezeigt und beigebracht. Ich glaube, durch ihn habe ich mein variables Spiel. Gegen einen größeren Bruder muss man sich was anderes einfallen lassen. Wenn man mit zwölf Jahren versucht, an ihm vorbeizusprinten – das wird nichts. Wenn man Körpereinsatz mitnimmt, ist man als kleiner Bruder derjenige, der am Ende am Boden liegt. Durch Oscar bin ich zu dem Spieler geworden, der ich jetzt bin.

Ist er ein Vorbild für Sie?

Ja, ich schaue bis heute zu ihm auf und habe viele seiner Schritte nachgeahmt – auf und abseits des Feldes.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich war 16, als Oscar sein letztes Jahr in der Nachwuchs-Bundesliga gespielt hat. Danach ist er nach Stanford gegangen und hat sich in Amerika ein Leben aufgebaut und dadurch seinen Traum erfüllt. Alleine zu leben und ein neues Land und eine neue Kultur zu entdecken – das fand ich auch sehr attraktiv und das hat mich angeschoben.

Sie sind jetzt schon eine Weile in den USA, haben es vom College in die NBA geschafft. Welchen Bezug haben Sie noch zu München?

Ich bin jedes Jahr in München. Also ich bin nach wie vor Münchner. Heuer war das erste Mal, dass ich wieder längere Zeit hier war. Zwei Wochen zum Urlaub, dann nochmal eine Woche vor der Summer League und jetzt eben mit der Nationalmannschaft. Die nächsten Tage gehe ich mit ein paar Freunden sicher auch mal zum Eisbach.

Viele erinnern sich bestimmt noch an das Jackett, das Sie beim NBA-Draft anhatten. An der Innenseite war auf der einen Seite die bayerische Flagge und auf der anderen Seite die brasilianische Flagge eingenäht. Wie nah ist Ihnen die brasilianische Kultur?

Auch nah, auf jeden Fall. Ich glaube, der Unterschied ist eben, dass ich in Brasilien bisher nicht gewohnt habe. Ich habe einfach durch Schule, Freunde und Basketball mehr Bezug zu Deutschland. Aber wir sind in den Sommerferien auch viel zur Familie nach Brasilien geflogen. Mein Dad hat immer noch Geschwister drüben. Von der Musik bis zum Essen über die Lebensweise habe ich auch sehr viele Einflüsse von der brasilianischen Seite meiner Familie bekommen.

Neben Basketball ist Musik Leidenschaft für Sie. Stimmt es, dass Sie Trompete spielen?

Ich habe früher sehr viel Trompete gespielt, aber das hat sich durch meine Karriere ein bisschen gelegt. Immerhin habe ich auch in Orlando eine Trompete und musste ein paar Mal Happy Birthday für meine Mitspieler vorspielen (lacht).

Wie war es für Sie, in die NBA gedraftet zu werden? Wussten Sie vorher, dass die Magic Sie ziehen werden?

Nicht wirklich. Meine Agenten hatten einen Überblick, haben aber auch gesagt, dass am Draft-Tag alles passieren kann. Spieler rutschen in der Reihenfolge nach oben oder nach unten. Und man weiß ja auch nicht, wer der erste Pick ist.

Mit Moritz und Franz Wagner sind zwei weitere Deutsche bei den Magic. Haben die beiden Ihnen das Leben am Anfang leichter gemacht?

Auf jeden Fall. Die Jungs haben mich richtig oft zu sich nach Hause eingeladen, um auf Deutsch zu quatschen. Manche Witze kann man nur auf Deutsch reißen, die auf Englisch keinen Sinn machen. Der kulturelle Hintergrund ist ein bisschen anders. Deswegen bin ich ihnen sehr dankbar.

Isaiah Hartenstein hat mit Oklahoma vergangene Saison den Titel gewonnen hat. Ist das etwas, das Sie auch unbedingt erreichen wollen?

Auf jeden Fall. Das ist der große Traum von jedem Basketballer. Wir sind alle mega happy für Isaiah. Er hat sich auch lange genug durch die G-League gekämpft, bis er zu dem Punkt gekommen ist. Man braucht eben auch Geduld und Durchhaltevermögen.

Was sieht Ihre Vision für die Zukunft in der Nationalmannschaft aus?

Ich finde es richtig toll, was Álex Mumbrú die Tage erzählt hat. Er will eine Mannschaft mit viel Teamchemie, die zusammenwächst und für die Zukunft breit aufgestellt ist. Für dieses erste Jahr nehme ich viel mit von den älteren Spielern. In Zukunft wollen wir den deutschen Basketball noch weiter pushen (antreiben, d. Red.).

Was treibt Sie an, im Sommer auch noch zur Nationalmannschaft zu kommen, wenn Sie vorher schon Summer League und eine NBA-Saison gespielt haben?

Für die Nationalmannschaft aufzulaufen, ist eine riesige Ehre. Ich hätte es hart gefunden, das abzulehnen. Sein Land repräsentieren zu dürfen, ist ein Kindheitstraum. Und dann auch noch mit meinem Bruder – das ist das i-Tüpfelchen. Außerdem ist es eine Chance, mich weiterzuentwickeln. Spiele sind immer etwas anderes, das kann man im Training nicht so gut nachahmen.

INTERVIEW: MARKO ALEKSIC

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