Der rot-blaue Fangipfel

von Redaktion

Ein besonderes Highlight ihrer Sammlung: Ihre Kinderkarte aus der Saison 1993/94.

Das nennt man gute Buchführung: Zum Interview brachte Sirch einen vollgepackten blauen Ordner mit.

Launige Gesprächsrunde: Bayernreporter Vinzent Tschirpke (von links), FCB-Fan Oliver Krauß, Löwen-Fan Petra Sirch und 1860-Reporter Marco Blanco Ucles. © Matzke/sampics (3)

Herr Krauß, Sie laufen in Giesing im Bayerntrikot herum, ganz schön mutig!

Krauß: Daran bin ich in Giesing leider gewohnt. Grundsätzlich habe ich damit kein Problem. Nur im Sommer, wenn es heiß ist und man nichts drüberziehen kann, kriegt man ein paar schiefe Blicke, wenn man in die U-Bahn einsteigt.

Gibt es überhaupt das klassische Bayernviertel in München?

Sirch: In München gibt es gar keine Bayernviertel, weil echte Münchner eh Sechzger sind. Die Bayerngegenden gibt es vielleicht außerhalb in Deutschland, aber doch nicht in München selbst.

Krauß: Giesing ist blau, da kann man nichts dagegen sagen. Zum Rest der Stadt habe ich eine andere Meinung. Für mich gibt es einen Stadt- und einen Lokalverein.

Die letzten Jahre sorgten die Bayern für die positiven Schlagzeilen. Jetzt verliert der FCB mit Thomas Müller seinen Herzspieler, während bei 1860 die Idole zurückkehren…

Sirch: Das Highlight war die Volland-Rückkehr. Jeder hat es sich so sehr gewünscht und dann hat es tatsächlich geklappt.

Krauß: Das habe selbst ich mitbekommen. Respekt dafür! Ist natürlich aufgeploppt in der „Kicker“-App, äh ich meine natürlich tz-App (Gelächter in der Runde)!

Sirch: Das ist einfach ein echter Löwe, der haut sich voll rein. Und jetzt hat er auch gleich ein Tor geschossen. Lief perfekt.

Weniger perfekt lief der Abschied von Müller…

Sirch: Den mochte sogar ich! Ist aber auch der Einzige bei Bayern.

Krauß: Als Schweinsteiger damals gegangen ist, wurde ich emotional, da ist ein Tränchen gekullert. Beim Thomas war es ähnlich. Das sind Spieler, die du nicht oft in einem Verein hast. Die zu verlieren, ist einfach bitter – in jeder Hinsicht.

Wie blicken Sie auf die Löwensaison?

Sirch: Letztes Jahr hatte ich keine Euphorie, im Stadion waren die Fans nur am Schimpfen, alles war einfach schlecht. Dieses Jahr freuen sich alle auf die Spiele, es wird vom Aufstieg geredet. Aber: Nachdem ich das Ganze schon sehr lange mitmache, rate ich abzuwarten, es sind erst zwei Spiele absolviert (lacht).

Krauß: Auch ich nehme die Stimmung bei 1860 überraschend positiv wahr. Es wäre schon – ich glaube kaum, dass ich das sage – wünschenswert, wenn die Qualität bei den Löwen wieder steigt. In derselben Liga brauche ich Sechzig zwar aktuell nicht, aber ein Derby im Pokal wäre geil. Als Ismaik vermeintlich verkauft hat, habe ich mich gefreut. Seit 2011 geht das mittlerweile, dieses Kapitel muss endlich abgeschlossen werden.

Sie haben das Derby angesprochen. Welche Erinnerungen schießen bei diesem Wort in den Kopf?

Krauß: Mein erstes Derby war zwischen den beiden zweiten Mannschaften, 2016 müsste das gewesen sein. Und einmal war ich im Grünwalder Stadion, als die zweite Mannschaft der Bayern auf die Profimannschaft der Sechzger traf. Das waren krasse Erlebnisse.

Sirch: Diese Amateurderbys waren wirklich übel, da sind Fahrräder in die Menge geflogen und so weiter. Es ist komplett eskaliert, da bekam man es mit der Angst zu tun. Im Grünwalder Stadion wird ein Derby schwierig, das Olympiastadion wäre – wenn verfügbar – perfekt.

Derby, Olympiastadion, da leuchten Ihre Augen, Frau Sirch.

Sirch: Ich habe alle Derbys seit dem Bundesliga-Aufstieg 1994 miterlebt. Am geilsten war natürlich der 1:0-Sieg 1999, Torschütze Thomas Riedl. Es gibt nichts Besseres, als gegen die Bayern zu gewinnen. Aber ich habe natürlich auch schlimme 1:5- und 0:5-Klatschen erlebt.

Blicken wir in die Fanseelen. Die Bayernfans fühlen aufgrund Ihrer Dominanz nur selten ausufernde Emotionen, bei den Löwen liegen zwischen tiefer Depression und Jahrhundert-Euphorie oft nur eine Woche. Stimmt`s?

Sirch: Und einen Brasilianer holen wir natürlich auch immer direkt (lacht). Ich bin seit 25 Jahren Mitglied, liebe diesen Verein. Im Endeffekt leidet man viel. Aber du stehst unerbittlich zu diesem Verein, egal was passiert. Sechzig ist wie das wahre Leben, es geht mal rauf, dann aber auch wieder runter. Gut, bei Sechzig öfter runter als rauf (lacht).

Was sind Ihre schmerzhaftesten Erinnerungen?

Sirch: Das schlimmste Spiel war der Abstieg gegen Regensburg in der Allianz Arena. Ich war mit meinem Papa im Stadion, als Reaktion haben die Fans die Sitze rausgerissen. Der Abstieg war sowieso schlimm, das Verhalten danach hat mich aber noch mehr mitgenommen. Das wurde wirklich ein Trauma.

Krauß: Ich war auch da! Damals habe ich für die Firma der Bezahlkarten an der Tageskasse vorm Stadion gearbeitet. Für mich war es auch ein bisschen witzig.

Sirch: Das fand ich nicht! Der einzige Vorteil war, dass wir aus der Allianz Arena rausdurften. Der Aufstieg mit Bierofka und Co. in der nächsten Saison im Grünwalder hat für einiges entschädigt – aber dieser Abstieg vorher war der schlimmste Moment meines Löwen-Lebens. Bei euch waren die schlimmsten Momente doch nur irgendwelche verlorenen Champions-League-Finale.

Krauß: „Irgendwelche“? Das ist wohl leicht untertrieben. Das Finale Dahoam war schlimm, gerade nachdem wir das Pokalfinale und den ersten Platz in der Liga an Dortmund verloren haben. Die Emotionen verschieben sich ansonsten natürlich. Ein Bundesliga-Sieg gegen Wolfsburg lässt die Gefühle nicht mehr überkochen. Trotzdem ist die Meisterschaft extrem wichtig, das ist der ehrlichste Titel.

Zwei Euro ins Phrasenschwein!

Krauß: (Lacht.) Es ist nun mal so.

Und was tut der Fanseele mehr weh? Verlorene Finals oder ein Abstieg?

Sirch: Wir haben ja noch nie ein Champions-League-Finale verloren …

Krauß: Und wir sind noch nicht abgestiegen! Ich finde, das kann man kaum vergleichen. Grundsätzlich sind die Auswirkungen eines Abstiegs dramatischer, das macht es noch schmerzhafter.

Was bedeutet gesunde Rivalität?

Sirch: Sich gegenseitig aufzuziehen nach Niederlagen ist normal. Aber Fahrräder in andere Fankurven zu werfen, geht definitiv zu weit. Die Rivalität ist inzwischen aber nicht mehr so stark wie früher.

FC Hollywood und das Dauer-Chaos beim Löwen: Woran liegt es, dass beide Clubs nie zur Ruhe kommen?

Krauß: Jede Meldung über die Bayern bringt Klicks. Es gibt so viele Fans, dass jeder die Berichte liest. Bei 60 denke ich mir dagegen manchmal: Wie kann das denn sein?

Sirch: Auch beim Löwen interessieren sich mehr Leute für den Verein als bei anderen Drittligaclubs.

Gibt es Momente, wo man auch mal neidisch zum anderen guckt?

Sirch und Krauß zusammen: Nein!

Gar nichts?

Sirch: Der Erfolg der Bayern ist krass. Das muss ich zugeben.

Krauß: Und ich finde die Lage des Grünwalder Stadions toll. Die Boazn-Kultur rund ums Stadion ist cool.

Zum Abschluss: Was wünschen Sie dem jeweils anderen Verein?

Sirch: Dass sie keinen Titel gewinnen und Zehnter werden.

Krauß: Ich wünsche euch, dass die Geschichte mit Ismaik endet.

Sirch: Oh, das ist nett. Dann verbessere ich auf Platz neun (Gelächter in der Runde).