Alle Augen auf Franz

von Redaktion

Wagner führt mit Schröder das DBB-Team in die EM – Start am Mittwoch

Geht voran: Franz Wagner bekommt noch mehr Verantwortung. Auch Schröder findet‘s gut. © IMAGO/Wiedensohler

Tampere – Wir befinden uns mitten in einer Ära, in der zum Jobprofil eines Basketballstars nicht nur das Dribbeln und Werfen, sondern auch das Podcasten gehört. Moritz Wagner, Deutschlands unglücklicherweise verletzter Gute-Laune-Bär, praktiziert diese Disziplin höchst erfolgreich. Kürzlich hatte er einen Überraschungsgast am Mikro: seinen Bruder Franz, der Mann, auf den bei der Europameisterschaft alles blickt. Und weil man bei so einer Plauderei im gewohnten Umfeld ein bisschen ungezwungener erzählt, erfuhr man Gehaltvolles. Etwa wie Kollege Dennis Schröder ihn kürzlich auf der Bank maßregelte, als Wagner sich viel zu lautstark über die Schiedsrichter echauffierte. Oder dass Franz Wagner nun zum Co-Chef des deutschen Teams aufgestiegen ist. „Ich spüre in mir, dass ich das kann“, sagt er.

Am Mittwoch beginnt im finnischen Tampere die EM. Deutschland spielt zum Auftakt gegen Montenegro, und Franz Wagner feiert seinen 24. Geburtstag. Er verliert damit das Label als Jungstar. Er ist jetzt ein Mann. Noch mehr: ein Anführer. Oder sagen wir besser ein Anführer in Ausbildung.

Es ist vieles passiert in letzter Zeit, das diese Entwicklung anschiebt. Er hat seinen Vertrag verlängert in Orlando, erhält nun im Schnitt 44,848 Millionen US-Dollar pro Jahr. Boni noch nicht einmal eingerechnet. Wobei die Millionen noch nie ein guter Indikator dafür waren, ob jemand sich vorbildlich und nachahmenswert verhält. Im Fall von Wagner ist das gegeben. Sein Bruder nennt ihn einen „geborenen Leader“, ihn Orlando teilten sie ihm offen mit, dass sie ihn mit Paolo Banchero als Leitwolf des jungen Rudels sehen. Die Millionen bringen Verantwortung mit sich, und Franz Wagner findet Gefallen am neuen Quest. Er liest Bücher, hört Podcasts, kurz: Er nimmt die Sache mit der Führung ernst.

Im Kontext der Nationalmannschaft sorgte das Schicksal des Bruders für eine Parallel-Entfaltung. Moritz Wagner war die emotionale Ladesäule dieses Teams, sitzt nun aber nach Kreuzbandriss isoliert in Kalifornien, muss fünf Kilo abnehmen, sich zurück kämpfen, aus der Distanz drauf blicken. Er sagt über seine Teamkollegen: „Ich vermisse sie richtig.“ Wagners Vakuum als Anführer hat sein Bruder zu füllen, bei seinem ersten großen Turnier ohne Moritz. „Vor drei, vier Jahren wäre ich nervös gewesen“, hält er fest. Aber Franz Wagner ist gereift. Die persönlichen Bünde zu seinen Mitspieler haben sich ausgebildet und sind stark genug, dass er nun auch einmal lautstark seine Kritik anbringen kann. Sie gestehen ihm das zu. Ihrem Jüngsten. „Es ist viel einfacher, jemanden anzuschnauzen“, sagt Franz Wagner.

Auch weil sportlich keinerlei Zweifel an seiner Exzellenz bestehen. Franz Wagners ist auf absehbare Zeit Deutschlands bester Basketballer. Während er unter Gordon Herbert noch als eine Art 1B-Star ins Spiel eingebunden war, bildet er jetzt bei Nachfolger Alex Mumbru mit Dennis Schröder eine Doppelspitze. Zu bemerken ist das an subtilen Stellen. Im Schnellangriff, seiner großen Spezialität, installieren sie ihn als Ein-Mann-Kavallerie mit allen Freiheiten zur Attacke. Auch sonst, wenn’s geordneter zugeht, haben Wagner und Schröder wechselweise den Ball in der Hand mit der Lizenz, sich jederzeit waghalsig gen Korb zu stürzen. Allerdings teilt das zweiköpfige Monster auch eine Achillessehne: der Distanzwurf. Nur vier Dreier traf Franz bei 26 Versuchen (15 Prozent) in sechs Vorbereitungsspielen. Darüber sprach man übrigens nicht im Plausch unter Brüdern. ANDREAS MAYR

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