Spezialität Eins-gegen-eins-Situation: Der Augsburger DFB-Neuling Finn Dahmen. © IMAGO/DiZ-PiX
Ihm schuldet Nagelsmann noch was: Alexander Nübel vom VfB Stuttgart. © dpa/Swen Pförtner
Nicht mehr unter dem Radar: Oliver Baumann, die Vertretungs-Nummer-eins. © dpa/Fabian Strauch
Herzogenaurach – Die Wie-hast-du‘s-erfahren-Frage konnte Finn Dahmen nicht mit dem erwarteten „Von Julian Nagelsmann“ beantworten. Der Bundestrainer hatte die Nominierungsanrufe für die Torhüter an seinen Fachcoach Andreas Kronenberg, intern „Krone“ genannt, delegiert. Als Kronenberg sich beim Augsburger Dahmen meldete, war dieser nicht überrascht. „Die Nummer hatte ich eingespeichert, wir hatten schon einige Male telefoniert.“ Im März zum Nations-League-Viertelfinale gegen Italien war Dahmen auf Abruf nominiert, zum Auftakt der WM-Qualifikation mit den Partien am Donnerstag in Bratislava gegen die Slowakei und am Sonntag in Köln gegen Nordirland gehört er nun richtig zum DFB-Kader. Die frohe Botschaft vermittelte er gleich „an meine Freundin, die ich im Homeoffice gestört habe“, danach „an meine Eltern und Schwestern“.
Am Samstag gegen die Bayern lieferte Dahmen ein Spiel mit gemischten Eindrücken ab. Eigentlich ist er sehr stark mit dem Ball am Fuß, doch zwei Zuspiele misslangen ihm, aus einem wäre fast das frühe 0:1 resultiert, ein anderes leitete den 0:3-Rückstand ein. Andererseits hielt er seine Augsburger am Leben, als er in der zweiten Halbzeit vier Eins-gegen-eins-Situationen für sich entschied – eine Qualität, in der er Manuel Neuer ähnelt, der sein Gegenüber war. „Manuel Neuer hat meine Jugend geprägt“, sagte Dahmen (27). „Da merke ich mal wieder, wie alt ich bin“, merkte Neuer (39) an.
Neuer ist die Saison 2025/26 schlanker und drahtiger angegangen als die vergangenen Jahre, in denen Zweifel an der Berechtigung seines Deutsche Nummer-eins-Anspruchs aufgekommen waren, weil er immer einen Auftakthopser benötigte, bevor er sich in die Lüfte schraubte. Mit der EM 2024 legte Manuel Neuer seine Nationalmannschaftskarriere ad acta, die Nachfolge wurde mit Marc-Andre ter Stegen geregelt, doch weil auch dessen 33-jähriger Körper Verschleißerscheinungen zeigt und die Vereinspolitik beim FC Barcelona sich gegen ihn richtet, wird von den Meinungsmachern ein Comeback von Neuer im DFB-Tor bei der WM 2026 ins Gespräch gebracht – unter anderem von Lothar Matthäus. Die Argumentation lautet: Seine Präsenz könne gegnerische Stürmer einschüchtern.
Julian Nagelsmann ist das Unbehagen beim Thema Neuer anzumerken. Der Zwist, den er mit ihm zu gemeinsamen Zeiten beim FC Bayern austrug (Nagelsmann entließ Torwarttrainer Toni Tapalovic, Neuers engsten Vertrauten), trug dazu bei, dass der Coach nicht mehr in München arbeitet – als oberster Trainer Deutschlands wollte Nagelsmann aber nicht revanchistisch wirken und schützte den Routinier vor jeder Kritik. Doch nun hält er andere Torhüter für schutzbefohlen: Ter Stegen, der während seiner neuerlichen Ausfallzeit die offizielle Nummer eins bleibt, doch ebenso die anderen Keeper, die derzeit zum Kader und zum erweiterten Kreis gehören.
Alle drei Torhüter, die er nominierte und die am Montag im „Home Ground“ in Herzogenaurach zur Vorbereitung zusammenkamen, nennt er „gute Aufbauspieler“ – das gehört zu seinem Anforderungsprofil. Was Nagelsmann auch schätzt: Wenn ein Spieler schon ein bisschen was erlebt und vor allem „Widerstände überwunden hat in seiner Karriere“.
Ein Widerstandskämpfer ist Oliver Baumann (35), der Hoffenheimer, die Vertretungs-Nummer-eins. Nagelsmann: „Er läuft halt unter dem Radar, weil er den Schritt zu einem größeren Verein nie gemacht hat – aber das ist ja auch was Sympathisches. Er hat uns die Spiele gegen Italien gerettet und mittlerweile eine Super-Akzeptanz in der Truppe als Nummer drei war die noch nicht so extrem da.“
Alexander Nübel (28/Stuttgart) ist die Nummer zwei. Die Karriere des Ex-Schalkers stagnierte, als er sich zu früh für einen Wechsel nach München entschied und nun als Leihspieler unterwegs ist. Ihm fühlt Nagelsmann sich verpflichtet, nachdem er ihn vor der EM als damals vierten Tormann aus dem Kader schubste.
Finn Dahmen war bei seinem Jugendclub Mainz (zu) lange der zweite Mann und musste auch in Augsburg durch eine schwere Phase (Hinrunde 2024/25, da spielte der Kroate Labrovic) – er nahm die Herausforderung an. Zur Mannschaft in Augsburg sagte er, er betrachte die Berufung „nicht als Einzelerfolg“.
Dahmen erhielt als dritter Mann den Vorzug vor dem als „Nachrücker Nummer eins“ ausgewiesenen Freiburger Noah Atubolu (23), der langfristig als große Lösung fürs DFB-Team gilt. „Die Vergleiche mit Neuer waren seiner Leistung nicht zuträglich“, findet Nagelsmann. „Doch in seinem ersten Bundesligajahr wurde er zu kritisch gesehen.“ Auch im Fall des Münchners Jonas Urbig mahnt der Bundestrainer eine mildere Sichtweise an: „Mir ist lieber, er wagt was, macht dabei einen Fehler – aber eben auch die Erfahrung.“
Neuer sieht sich, was beim DFB geschieht, aus der Distanz an. Eine Woche ohne DFB-Verpflichtung bedeutet für ihn „Zeit mit der Familie“. Und für Training gegen seine 39 Jahre. Man weiß ja nie, was kommt.GÜNTER KLEIN