Reisezeit: Am Donnerstag jetteten Izzy Bonga & Co. von Tampere nach Riga. © Instagram
Koloss aus Boston: Portugal-Star Neemias Queta. © IMAGO
Freuen, aber nicht feiern: Das deutsche Team beendete eine historische EM-Vorrunde, die es so seit den Jugoslawen 1969 nicht mehr gab – die allerdings scheiterten seinerzeit im Finale. © IMAGO
Riga – Das Kreuz mit den Zeugnissen ist ja folgendes: Mit den richtigen Noten garniert sehen sie zwar schön aus, doch fällt am Ende die Abschlussnote nicht wie gewünscht aus, bleibt von der Klassenzimmer-Romantik nichts übrig. Das wusste Tristan da Silva, als er den deutschen Basketballern vor dem Abflug nach Riga die Note „Eins plus“ für ihre Taten in der Vorrunde aushändigte. So dominant wie Deutschland – fünf Siege mit durchschnittlich 32 Punkten Vorsprung – ist seit 1969 kein Team bei einer EM aufgetreten. Damals waren es die Jugoslawen, die ein ähnliches Inferno über ihre Vorrunde brachten, aber dann im Finale verloren. Wenn das nicht Warnung genug ist.
Dennis Schröder erkannte den Ernst der Lage und warnte seine Kollegen noch auf dem Feld in Finnland. „Er hat im Kreis zu uns gesagt, dass das ein neues Kapitel wird“, verriet Oscar da Silva. Auf dem Weg zu Gold verlassen sie jetzt die finnische Landstraße und biegen ein auf die Autobahn Richtung Finale. Wer, wenn nicht Schröder, der Gebrandmarkte, weiß, wie sehr sich der Charakter des Turniers verändert. Bei der goldenen WM 2023 wären sie nach dem Rausch der ersten Runden beinahe im ersten K.o.-Spiel an Außenseiter Lettland zerschellt. Der Kapitän spielte so schwach wie nie zuvor oder danach, aber alles ging gut.
Die Parallelen zum Gold-Trip sind nicht abzustreiten. Da zieht schon wieder ein Sommermärchen auf. Auch damals ging es aus der provinziellen Traumwelt (sie hieß Okinawa, Japan) hinein in die urbane Ernsthaftigkeit. „Ein neues, ziemlich brutales Turnier steht bevor“, hielt Alan Ibrahimagic fest, der nun Ersatz-Bundestrainer a.D. Gegen Portugal im Achtelfinale am Samstag (14.15 Uhr) wird nach aktuellem Stand wieder Alex Mumbru anleiten. Der Verband teaserte seine Rückkehr mit Videosequenzen an, in denen sich der Spanier mit Anzug und überschwänglichem Grinsen die Stufen zum Flieger hinauf begab. Bevor die Befürchtung umgeht, das könnte einen Bruch herbei führen: Auch wenn der Trainer im Krankenhaus weit weg gewesen sein mag, seine Idee und sein Einfluss lebten weiter in diesem Team. Allen Spielern war wichtig, das herauszuarbeiten.
Trunken vom Überschwang zeigte sich höchstens der Ausrichter. Jedoch in anderem Kontext: Im Internet hob er das Parallel-Duell in Gruppe A zwischen Serbien und der Türkei gleich zum „Match dieses Jahrhunderts“ in den Himmel. Was bei aller Liebe für das spektakuläre Spiel dann doch ein bisschen zu hoch angesetzt war. Die Türken zerschnipselten mit ihrem Überraschungserfolg sämtliche Prognosen, gewannen die Gruppe A – und verhinderten gleichzeitig das Traumfinale. Zu einem Treffen der Giganten zwischen Deutschland und Serbien käme es jetzt schon im Halbfinale. Bei Svetislav Pesics Serben wachsen die Zweifel.
Die große Frage ist nun, ob die Deutschen bis dahin überhaupt an ihr Limit gedrängt werden. Über Gegner Portugal muss man eigentlich nur wissen, dass es mit Neemias Queta einen gewaltigen Brocken aus der NBA unter dem Korb hat und sämtliche Ziele mit der zweiten Teilnahme am Achtelfinale übererfüllt hat. Existenzielle Gefahr geht von diesem trägen, physischen Team keine aus. Charles Barkley, das NBA-Großmaul, sagte seinerzeit 1992 bei Olympia vor dem Duell des Dream Teams mit Angola. „Ich weiß nichts über Angola, aber sie sind in Schwierigkeiten.“ Ungefähr so verhält es sich mit Portugal, nur dass sich das bei den Deutschen keiner zu sagen traute. Seriosität ist die größte Tugend dieses Teams – das änderte sich auch durch die Dream-Team-Vorrunde nicht.
ANDREAS MAYR