Weltmeister: Weiss und Herbert. © IMAGO/Wiedensohler
Deutschlands Basketballer können bei den nächsten Turnieren „jedes Mal oben mitspielen“. © Conroy/dpa
„Wir sind gute Freunde“: DBB-Präsident Ingo Weiss und Dennis Schröder respektieren sich gegenseitig und reden auch mal Klartext. © IMAGO/Wunderl
Links die Nationaloper, rechts das pulsierende Leben der Fußgängerzone – und mittendrin ein Frühstückstisch im Kempinskihotel mit Ingo Weiss, 61 Jahre alt und bald 20 Jahre Präsident des Deutschen Basketball Bundes (DBB). Früher musste er bei solchen Gelegenheiten oft erklären, was schief läuft. Mittlerweile sind die Basketballer so erfolgreich, dass EM-Gold in Riga keine Sensation mehr ist. Vor dem heutigen Viertelfinale gegen Slowenien (20 Uhr) spricht er über Pokalschränke, einen Entenmarsch, das N-Wort, seinen im KZ getöteten Großvater – und natürlich über Basketball.
Herr Weiss, welches Souvenir haben Sie von der WM 2023 mitgenommen?
Den Pokal. Erfreulicherweise mussten wir unseren Pokalschrank umbauen. Wir haben jetzt den EM-Pokal von 1993 und den WM-Pokal bei mir im Büro.
Was hat sich in den 30 Jahren verändert?
Wir gehen jetzt mit dem Anspruch in die Turniere, eine Medaille zu gewinnen.
Diesmal auch mit neuem Coach. Alex Mumbru war schon ein Stilbruch zu Vorgänger Gordon Herbert: Bewusst?
Ja genau. Wir hatten die Mannschaft, aber wollten eine andere Spielphilosophie haben. Mit Spielern wie Franz Wagner oder Dennis Schröder können wir schnell spielen, Zuschauer begeistern. Das ist attraktiv und zeigt die Klasse einer Mannschaft.
So einen Stilwechsel müssen die Stars abnicken: Wie schwierig war das?
Die Spieler waren dankbar. Und die tollen Spieler aus der U 19, die künftig dazu kommen, passen genau in das System. Wir werden die nächsten acht Jahre nicht jedes Mal Weltmeister, aber können jedes Mal oben mitspielen.
Sie haben offensichtlich zwei Bundestrainer, die bestens funktionieren. Alex Mumbru erkrankte schwer. Alan Ibrahimagic übernimmt nun bei den Spielen den Job. Wäre er nicht von Anfang an auch einer gewesen für die Position?
Alan ist bei uns Bundestrainer – und wert geschätzt. Er hat bei uns im Nachwuchs viele Medaillen gewonnen, macht einen exzellenten Job. Wir haben gar keinen Grund gesehen, irgendwas zu tauschen. Es stellt sich überhaupt nicht die Frage, ob man Alan für eine andere Position haben will. Er hat einen langfristigen Vertrag bei uns, den wir erst kürzlich verlängert haben. Alan wird im nächsten Jahr wieder eine Nachwuchs-Mannschaft machen.
Viel ist dieser Tage von Männertrips und Harmonie zu hören, von Familien, die im Hotel schlafen dürfen. Dennis Schröder wird gelobt für seine Rolle als Mann, der Reformen angestoßen hat. Wie muss man sich das vorstellen, stand er auf einmal in ihrem Büro?
Dennis kam zu mir und – das schätze ich an ihm – hat ehrlich gesagt: „Ich fühle mich besser, wenn meine Familie dabei ist, kann besser spielen.“ Dennis und ich können sehr gut miteinander, sind gute Freunde, respektieren uns. Ich hab meine Frau ja auch gerne dabei. Der Trainer muss das natürlich akzeptieren. Weil wir alle gleich behandeln wollen, machen wir das bei allen. Wenn es vor Ort funktioniert, nehmen wir die Spielerfrauen und Familien gerne mit ins Hotel, alleine um den Entenmarsch nachts von einer Unterkunft zur anderen zu verhindern.
Mit Dennis Schröder hat das Nationalteam einen echten Charakter mit Ecken und Kanten, nach dem oft verlangt wird. Trotzdem hängt sich mancher gerne an seinem Auftreten auf.
Ja und warum? Weil er eine goldene Rolex trägt.
Zum Beispiel…
Die hat er sich redlich verdient. Er trainiert wie ein Weltmeister, er engagiert sich unglaublich für den Basketball. Wer ihn kritisiert, sollte sich selbst hinterfragen. Dennis ist ein toller Familienvater, ein toller Teamspieler, der sich als Kapitän hinter seine Mannschaft stellt. Er hält seinen Rücken seit elf Jahren für Deutschland hin. Er wird manchmal missverstanden, weil er offen und ehrlich seine Meinung sagt. Die wird gerne interpretiert und manchmal auch falsch interpretiert.
Sie zielen auf das Interview im Vorfeld der EM ab, wo es auch darum ging, dass ihm als schwarzen Sportler nicht die gleiche Liebe zu teil wird. Hat er damit nicht sogar einen Punkt getroffen?
Ich kann mir vorstellen, dass das einige noch von der Hautfarbe abhängig machen. Das akzeptiere ich überhaupt nicht. Das betrifft alle schwarzen Spieler. Ich glaube, dass die es schwerer haben. Das ist nicht nur auf dem Spielfeld so.
Haben Sie ein Beispiel?
Ja. Das hat mir sehr weh getan. Mit dem früheren FIBA-Präsidenten Hamane Niang, dunkelhäutig, war ich vor einige Jahren unterwegs. Wir haben die Evaluation eines WM-Kandidaten in Europa gemacht. Der Mann war Minister in seiner Heimat Mali. Der Hammer kam dann beim Gouverneur: Die Security ließ mich durch, Hamane Niang bekam das N-Wort zu hören, den wolle man hier nicht haben. Ich hab mich umgedreht und bin raus gegangen. Und dieses Land wollte die WM haben. Der Gouverneur kam raus, hat sich entschuldigt. Wir sind trotzdem abgereist.
Eine bedrückende Geschichte…
Trotzdem habe ich Mut: In Tampere machen zwei Menschen rassistische Äußerungen, 13 000 wehren sich. Wir müssen uns immer wieder dagegen wehren. Da gibt es auch eine Geschichte aus meiner Familie.
Erzählen Sie:
Meinen Großvater, den Vater meiner Mutter, hätte ich total gerne kennengelernt. Konnte ich aber nicht. Er ist im KZ gestorben. Er hatte in meiner Heimatstadt Münster ein Fischgeschäft, hat drei Juden im Keller versteckt. Ein anderer Fischhändler hat ihn verraten.
Inwiefern prägt Sie das?
Ich werde nachdenklich, wenn so was passiert wie in Tampere passiert. Antisemitismus, Rassismus – da wird immer die freie Entfaltung von Menschen eingeschränkt. Das darf nicht passieren. Wenn du da nicht reagierst, sind es beim nächsten Mal zehn, die so was machen.
Anderes Thema: Die Basketball-Welt dreht sich. Die NBA will nach Europa, die jungen europäischen Spieler wiederum ans College. Alles wegen des Geldes. Jugendspieler bekommen dort teils siebenstellige Gehälter. Eine gute Entwicklung?
Es ist gut, dass die NBA nach Europa will – in Zusammenarbeit mit der FIBA, muss ich ergänzen. Das wird einschlagen wie eine Rakete. Und dadurch wird vieles abgestimmt.
Erklären Sie:
Länderspiele und gleichzeitige Club-Spiele werden wir dann nicht mehr haben. Deshalb kann ich diese Liga der NBA nur mit Freude sehen. Die Sachen am College gab es früher auch schon. Nur wurde da nicht so offensiv mit dem Geld durch Werbeverträge geworben. Warum sollten die jungen Spieler das nicht machen? Aber wir brauchen auch gute junge Spieler hier.
Von den Jungen zu den Alten. Einige sind über 30, ist das der letzte Ritt der alten Riege?
Natürlich wird der eine oder andere rausgehen. Aber mir ist nicht Bange. Anderson, Steinbach, Reibe, Kharchenkov – die sind alle 18, 19, können über zehn Jahre spielen.
Ihre Amtszeit geht noch ein Jahr…
Ich werde im Frühjahr 2026 unseren Landesverbänden sagen, dass ich bereit bin, noch für eine Periode bis 2030 zu kandidieren.
INTERVIEW: ANDREAS MAYR