„Wir müssen uns mehr trauen!“

von Redaktion

Busemann über die deutsche Leichtathletik und eine Olympia-Bewerbung

Expertise und Humor: Frank Busemann. © Imago

Die Spiele von Paris – ein Vorbild für Deutschland? © IMAGO

Sprint-Superstar Noah Lyles. © Laage/Imago

„Er tut der deutschen Leichtathletik unfassbar gut“: Leo Neugebauer begeistert die Fans. © Yalçın/Imago

Am Wochenende beginnt die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Tokio. Für den rund 13-stündigen Flug hat ARD-Experte Frank Busemann die „Thrombosesocken von Sydney 2000 rausgeholt“: „Die sind so staubtrocken, ich hoffe die explodieren nicht. Aber zum Glück sind meine Waden nicht mehr so dick wie früher …“ Im Interview mit unserer Zeitung spricht der Zehnkampf-Silbermedaillengewinner von Atlanta 1996 über den Zustand der deutschen Leichtathletik, die Entwicklung von Leo Neugebauer und die Wucht von Olympischen Spielen.

Frank Busemann, die Leichtathletik-WM in Tokio steht an. Wie viele deutsche Medaillen orakeln Sie?

Julian Weber, Malaika Mihambo, Leo Neugebauer, das sind die üblichen Verdächtigen, die für eine Medaille infrage kommen. Dann hast du Merlin Hummel oder Christina Honsel, die überraschen können. Und mit Owe Fischer-Breiholz endlich mal wieder einen frischen Namen, der zwar nicht um eine Medaille läuft, aber für Wirbel sorgt. Man hat immer noch das Gespenst von Budapest im Kopf, als wir gar nichts gewonnen haben. Das wird dieses Mal nicht passieren. Man muss aber auch sagen, dass die vier Medaillen von den Olympischen Spielen in Paris den Blick etwas verklären. Das war schon im oberen Bereich des Machbaren.

Mit Leo Neugebauer hat die deutsche Leichtathletik wieder ein Zugpferd, das neben der sportlichen Klasse auch für ein wenig Show sorgt.

Leistung ist austauschbar, wenn sie nicht in exorbitanten Sphären stattfindet. Mondo Duplantis muss keine Show machen, da ist die Leistung die Show. Schauen wir auf Noah Lyles, da ist eine enorme sportliche Klasse, aber das Alleinstellungsmerkmal sind die Faxen. Es ist schön, wenn man Athleten hat, die griffig sind, die Geschichten erzählen. Dann stechen sie aus der Masse. Zehnkampf ist ja sowieso die schönste Disziplin der Welt (lacht). Neugebauer ist ein erstklassiger Athlet und dann noch diese freundliche Ausstrahlung, bei der man denkt: Was ein Typ! Er tut der deutschen Leichtathletik unfassbar gut.

Neugebauer hat in einem Interview erzählt, dass es vielleicht sogar gut war, in Paris „nur“ Silber zu gewinnen, damit der Hunger bleibt.

Man muss sich das natürlich auch ein bisschen schönreden, eine Goldmedaille lehnt keiner ab. Aber ich habe mal mit Robert Harting gesprochen, der meinte: Glaub mir, Frank, auch mit Gold sind die Probleme nach zwei Wochen wieder die gleichen (lacht). Die Frage ist natürlich: Was kann nach Olympia-Gold noch Größeres kommen? Auf den Mond fliegen vielleicht. Aber mal im Ernst: Das ist eine gesunde Entwicklung von Neugebauer und zeigt auch einen Prozess. In Budapest hat er sich noch verrannt, in Paris war er deutlich souveräner. Und jetzt die erste Saison als Vollprofi, das hat noch mal einen anderen Zündstoff. Das College-System gibt einem Halt, das Studieren schärft den Fokus. Du weißt: Jetzt muss ich umswitchen und bin hundertprozentig beim Sport. Jetzt denkt er den ganzen Tag nur an Sport, das kann auch kontraproduktiv sein.

Sie haben Christina Honsel angesprochen, die selbstbewusst eine Medaille als Ziel ausgegeben hat.

Finde ich super. Wir Deutschen sagen ja eigentlich immer: Joa, ich will alles geben und mal munter mitspringen. Das war eine Ansage, die ich feiere. Man muss aber auch sagen: Es ist was anderes in Heilbronn mit dem Steg zu springen als auf dem Beton in Tokio (lacht). Mit zwei Metern hat sie ein Ausrufezeichen gesetzt. Sie muss die Höhen halt im ersten Versuch springen, weil die Leistungsdichte ganz oben enorm ist.

Die Leistungsdichte ist auch über die 100 m enorm. Mit Owen Ansah ist der deutsche Rekordhalter in Tokio am Start.

Wenn du zu Hause die zehn Sekunden läufst, musst du das eben auch in Tokio auf die Bahn bringen. Und dann stehen die Giganten neben dir, stampfen auf die Bahn, hüpfen hoch, schauen locker zu dir rüber. Und man selbst hechelt sich einen ab mit 10,05 neben den Hochgeschwindigkeitszügen. Das ist eben die große Kunst, bei einer WM locker zu bleiben.

Die deutsche Leichtathletik ist seit Jahren ein Sorgenkind. Claus Dethloff wählt mit Germany Athletics jetzt mal einen anderen Ansatz, will Trainer und Athleten entwickeln, arbeitet mit Schulen zusammen.

Wenn ich mit Leuten spreche, verbinden die Leichtathletik oft damit, 1000 Meter zu laufen. Und 1000 Meter zu laufen ist anstrengend und sch… (lacht). Im TV merken wir aber, dass das Interesse riesig ist, die Einschaltquoten sind super. Jetzt müssen wir die Kinder davon überzeugen, dass Leichtathletik nicht nur ein Sport zum Anschauen ist. Leichtathletik muss wieder sexy sein. Wir brauchen eine große Basis, einen Pool mit Talenten. Ich bin über jeden neuen Ansatz froh. So, wie es die letzten Jahre gelaufen ist, ist es jedenfalls nicht zielführend. Es muss wieder leistungsorientierter gedacht werden. Für Erfolg müssen früh die Weichen gestellt werden. Du kannst ja nicht jahrelang vor dich hindümpeln und dann musst du plötzlich in der Weltklasse mitspielen.

Wie wichtig wären Olympische Spiele in Deutschland für die Entwicklung?

Das ist das A und O. Du hast bei den Spielen in London und Paris gesehen, dass die Strukturen nachhaltig für Erfolg sorgen. Die Engländer sind seit ihren Spielen eine Macht. Paris war der absolute Knaller. Dieser Flair ist auf die Bevölkerung übergeschwappt. Danach kommen dann immer die Leute mit den spitzen Bleistiften und sagen: Da haben wir aber Milliarden zu viel bezahlt … Olympische Spiele sorgen für einen unbezahlbaren Spirit. Da geht ein Ruck durch eine Nation. Man muss da einfach mutig sein, es wird sich auszahlen.

INTERVIEW: NICO-M. SCHMITZ

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