Patrick Weber spielt in der 3. Liga Handball. © IMAGO
Julian Weber schleuderte den Speer 91,51 m weit. © IMAGO
München/Tokio – In den vergangenen Tagen schossen Julian Weber nochmal Gedanken durch den Kopf, wie das vor ein paar Jahren in Speerwurf-Deutschland so war: „Ich war viele Jahre in der Weltspitze und trotzdem nur der viertbeste Mann in Deutschland.“ Johannes Vetter, Thomas Röhler, Andreas Hofmann waren die Protagonisten der goldenen Zeit, doch die Erinnerungen daran sind ein wenig verblasst. Fünfmal hintereinander krönte sich Weber zuletzt zum Deutschen Meister, und auch international ist er die deutsche One-Man-Show.
In diesem Jahr knackte der gebürtige Mainzer erstmals die 90-Meter-Marke, steigerte seine Bestleistung im August in Zürich auf 91,51 m. Niemand warf 2025 weiter, Weber startet als Nummer eins in die Weltmeisterschaft in Tokio. „Es hat sich schon was verändert. Du merkst natürlich, wie dein Standing in der Szene ist“, sagt er unserer Zeitung: „Ich sehe mich aber nicht als der Gejagte, so dominierend bin ich nicht. Da sind viele Speerwerfer an der Spitze auf einem ähnlichen Niveau. Das ist eine brutale Leistungsdichte.“
Diese 90 Meter haben Weber erlöst, angetrieben. Der 1,90 m große Athlet hat so hart trainiert wie nie, Wettkämpfe ausgelassen und schlechte Wettkämpfe in Kauf genommen. Alles für Tokio, alles für den Traum einer Medaille auf der großen Bühne. In München gewann Weber 2022 EM-Gold, doch ansonsten musste er beim Feiern oft zuschauen. Vierter bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021, Vierter bei den Weltmeisterschaften 2022 und 2023, Sechster bei den Spielen von Paris 2024
Mitte der Saison hatte der 31-Jährige mit Achillessehnenproblemen zu kämpfen, musste über Wochen und Monate die Wurfbelastung und Anläufe im Training reduzieren. Doch die Form stieg Richtung Tokio immer mehr an. Weber startet mit einem „entspannten Selbstbewusstsein“ in die Wettkämpfe.
Bei den letzten Wettbewerben hat er Vlogs produziert, die Leidenschaft für YouTube entdeckt. „Ich habe aktuelle eine gewisse Position beim Speerwerfen und in der deutschen Leichtathletik. Ich will junge Leute motivieren und auf meinen Weg mitnehmen.“
Medaille, Inspiration, doch in Tokio steht noch viel mehr auf dem Spiel. In der Weber-Familie tobt seit Jahren eine Diskussion, wer hat mehr Wumms im Arm? Bruder Patrick stellte 2018 mit 120 km/h in der Handball-Bundesliga einen neuen Rekord auf. „Das ist die große Weber-Debatte. Mein Bruder meint natürlich, er liegt vorne. Der Rest der Familie steht aber hinter mir. Wir müssen das Duell unbedingt noch austragen“, erzählt der Speerwerfer lachend. Patrick spielt neben Hausbau und Jura-Studium aktuell noch in der 3. Liga in Münster Handball. „Es war echt cool, da zuletzt wieder zuzuschauen. Ich war direkt Feuer und Flamme, habe ja früher auch gespielt. Nach dem Spiel habe ich mit meinem Bruder die Bälle zugeworfen. Es hat wieder ein bisschen gekitzelt.“
Weber kann in Tokio also die Medaillen- und Familiendiskussion mit einem Wurf abhaken. Über 90 Meter müssen es wohl wieder sein, um die Konkurrenz um Olympiasieger Arshad Nadeem oder den indischen Volkshelden Neeraj Chopra mit seinen über 9 Millionen Followern in Schach zu halten. Eins ist sicher: Handballer Patrick wird genau hinschauen, ob der Speerwurf-Bruder abliefert.NICO-MARIUS SCHMITZ