In den 57 Stunden schlief Gottwald nur 1,5 Stunden.
Aus der Hitze- wurde später eine Regenschlacht.
Rivalen auf der Strecke: Kendall Picado Fallas (r.) lieferte sich mit Gottwald einen epischen Wettbewerb.
Runde für Runde für Runde: In Texas gewann Kim Gottwald den „Go One More Ultra“.
München – Im Mai dieses Jahres sitzt Kim Gottwald mit seinem Vater und einem Kameramann in der Nähe einer texanischen Farm im Auto. Kurz zuvor hat der Ultra-Läufer halluziniert, dachte, er würde Einkaufswagen schieben. Mitten im Nirgendwo. Draußen wütet ein Unwetter, es gibt eine Tornado-Warnung. Die improvisierten Camps fliegen auseinander. Gleichzeitig explodieren die Follower-Zahlen bei Gottwald (von 50 000 auf über 200 000). Hunderttausende Menschen verfolgen den „Go One More Ultra“ live. Das Prinzip der sogenannten Backyard Ultras ist leicht. Auf einer festgelegten Strecke müssen innerhalb einer Stunde 4,167 Meilen (6,7 Kilometer) zurückgelegt werden. Zu jeder vollen Stunde müssen die Teilnehmer wieder an der Ziellinie stehen. Und das eben so lange, bis nur noch ein Läufer übrig bleibt.
Für den G1M-Ultra von Fitness-Influencer Nick Bare (1,3 Millionen Follower auf Instagram) hat Gottwald das Ersparte zusammengekratzt. 7500 Euro für Flug, Verpflegung, Kamera-Equipment. Eine Entscheidung, die „mein Leben verändert hat“.
Eigentlich hat der 22-Jährige laufen immer gehasst. Dann kam Corona und Gottwald konnte seinen Sport, MMA, nicht mehr im Studio ausüben. „Jeden Morgen vor der Schule bin ich zehn Kilometer gelaufen. Ganz stumpf, mit den alten Hallenschuhen, die ich noch Zuhause rumliegen hatte.“
Online versank er in die Welt der Langdistanzen, lief einmal 21 Kilometer im Training. „Die 100 Kilometer waren dann die magische Zahl. Ich bin 20 Runden durch mein Dorf gelaufen, habe 14 Stunden gebraucht und konnte danach zwei Wochen nicht richtig auftreten.“
Bei der Fußball-Europameisterschaft 2024 rannte Gottwald zu den deutschen Spielorten, 50 Kilometer pro Tag. Auf Social Media schwappten die ersten Wellen der Begeisterung zu ihm rüber. Und dann flatterte die Nachricht rein, die den Athleten vor dem Laptop ausrasten ließ. Aus über 5000 Bewerbern wurde er für den „Go One More Ultra“ ausgewählt. „Ich bin mit dem Mindset nach Texas geflogen, alles auf der Strecke zu lassen. Es war nicht nach dem Motto: Ich laufe mal, bis es weh tut und dann wird abgebrochen. Sondern ich laufe, bis der Stecker gezogen wird.“
Die ersten 24 Stunden verliefen ohne größere Probleme, dann knallten die Umstände rein. Der Schlafentzug, die körperlichen Lasten, die Ernährung aus Snacks und Gels, 300 bis 500 kcal pro Stunde. „Ich bin mit einer ziemlich leichtgläubigen Taktik reingestartet, wollte es nach Gefühl machen, das ist bei solchen Events gefährlich.“
Ab Runde 30 standen von den 100 gestarteten Läufern nur noch zwei Namen auf der Tafel: Kim Gottwald und Kendall Picado Fallas. Mann gegen Mann, bis zur totalen Erschöpfung. Während einer Runde schlief Gottwald am Streckenrand ein, musste sich beeilen, um rechtzeitig wieder am Start zu stehen. Und dann kam der Zustand, in dem er nicht mehr richtig einordnen konnte, was hier eigentlich Realität und was nur Vorstellung ist. Die Einkaufswagen, die plötzlich vor einem auftauchen. „Das ist beängstigend. Man hat keine richtige Kontrolle mehr. Man fühlt sich, als würde man sich selbst verarschen.“
Es schien, als müsste die Natur eingreifen, um die beiden Lauf-Roboter zu stoppen. Das Unwetter machte einen Strich durch die Rechnung, Kim und Kendall einigten sich – während sie zitternd und eingedeckt auf der Couch lagen – auf einen gemeinsamen Sieg. Nach 57 Stunden (mit zusammengerechnet nur 1,5 Stunden Schlaf) und 382 Kilometern. „Kendall musste danach ins Krankenhaus, weil die Leber aufgegeben hat. Da kommen die Gedanken: Was wäre, wenn wir noch zwei Runden gemacht hätten. Aber das wird nächstes Jahr final geklärt“, sagt er mit einem Lächeln.
Doch schon ab Freitag hat Gottwald Großes vor. Gemeinsam mit André Schürrle veranstaltet er den „Last Soul Ultra“ in Nordrhein-Westfalen. 100 Ausdauersportler und Promis nehmen teil. Das ganze Event wird live auf YouTube gestreamt. „Mein Coach und ich wollen den deutschen Rekord umsägen.“ Würde bedeuten: Über drei Tage quasi durchlaufen, 550 Kilometer. Oder eben auch: laufen bis zur nächsten Wahnvorstellung. NICO-MARIUS SCHMITZ