602 Spiele für Frankfurt: Charly Körbel. © IMAGO
„Gerd war mein Sprungbrett in die Bundesliga“ – Körbel im Duell mit dem Bomber. © Imago
„Es ist beeindruckend, wie er sein Spiel im hohen Alter umgestellt hat“: Harry Kane glänzt für die Bayern nicht nur als Vollstrecker. © Ruiz/Imago
Frankfurt – Wer 602 Spiele für Frankfurt absolviert hat und noch dazu Bundesliga-Rekordspieler ist, hat zum Duell Eintracht gegen den FC Bayern viel zu sagen. Und wie viel Spaß Karl-Heinz „Charly“ Körbel noch immer am Fußball hat, merkt man in jeder Minute des Gesprächs. Der 70-Jährige freut sich auf das Topspiel am Samstag – und tippt aus Erfahrung: auf Frankfurt.
Herr Körbel, haben Sie am Dienstag Fußball geschaut?
Natürlich – allerdings habe ich die Konferenz geschaut. Mein Fokus lag auf der Eintracht, aber auch die anderen Spiele interessieren mich immer. Was für ein Niveau hat Tottenham? Was macht Liverpool? Wie läuft’s bei den Bayern, gerade mit Blick auf das Spiel am Samstag?
Sagen wir mal so: Bei Bayern lief es gut – bei der Eintracht eher nicht.
Atlético ist eine andere Liga, das hat man gegen uns gesehen, aber auch ein paar Tage zuvor schon im Stadtderby gegen Real. Dieses 1:5 war eine kleine Lektion für uns, vor allem für unsere jungen Spieler. Auch wenn ein solches Ergebnis weh tut, gehört das zum Lernprozess für solch eine junge Mannschaft dazu.
Kann man die Köpfe in der Kürze der Zeit wieder aufrichten?
Man muss das abschütteln, aber Dino Toppmüller und das Team werden das schaffen. Wir werden ein anderes Gesicht zeigen. Das wissen die Eintracht-Spieler, das wissen aber auch die Bayern, die ja schon vor uns gewarnt haben. Übrigens gilt, was schon zu meiner Zeit so war: Wenn jemand die Bayern schlagen kann, wird es Eintracht Frankfurt sein.
Letztes Jahr um diese Zeit hat ein 3:3 in Frankfurt die erste Schwächephase der Bayern eingeleitet…
Das war kein Zufall – die Bayern liegen uns. Das bestätigt mir beispielsweise auch Uli Hoeneß jedes Mal, wenn wir uns sehen oder telefonieren. Als ich noch aktiv war, haben wir 18 Jahre lang zuhause kein Spiel gegen sie verloren. Dabei war deren Mannschaft oft genauso imponierend wie die heutige. Ich bewundere sie, für ihren Kader, für Ihren Spielwitz. Aber wir müssen uns nicht verstecken.
Das sagen nahezu alle Gegner, die auf Bayern treffen.
Aber bei uns ist es die Wahrheit! Was in uns steckt, hat man zum Beispiel gegen Galatasaray gesehen. Mit einem ganzen Stadion im Rücken. Unsere Fans sind eine Macht, das macht die entscheidenden Prozente aus. Bayern kommt nicht gerne hierher.
Muss sich Bayern auch auf den Zorn der Eintracht einstellen?
Wir brauchen keinen Zorn. Die Erwartungshaltung in Frankfurt ist in den vergangenen Jahren auch stetig gestiegen. Aber vielleicht war der Moment genau richtig für die Frage: Wo stehen wir eigentlich? Wir wissen jetzt, dass wir noch weit von der internationalen Konstanz des FC Bayern entfernt sind. Unsere jungen Spieler müssen noch lernen. So wie ich, als ich mit 17 Jahren gegen Gerd Müller gespielt habe.
Er war einer Ihrer Lieblingsgegner.
Und wie! Aber ich hätte mich auch gerne mal mit Harry Kane duelliert. Es ist schon beeindruckend, wie er sein Spiel im hohen Alter noch umgestellt hat. Er könnte auch einfach vorne stehen bleiben und sagen: ich warte hier. Aber nein! Er läuft für die Mannschaft – und hat eine eingebaute Torgarantie. Dazu ist er sympathisch und professionell. Das ist schlichtweg überragend!
Seine Quote ist unfassbar. Hätten Sie ihn denn gestoppt?
(lacht) Mit 17 haben alle zu mir gesagt: Wie konntest Du denn den Gerd stoppen? Es gibt Spieler, die einem liegen. Jeder hatte Angst vor Gerd – ich nicht. Auf dem Platz haben wir uns damals immer wieder die Meinung gesagt, aber auch weil er wusste, dass er gegen mich nicht so zurechtkam wie gegen andere Verteidiger. Harry Kane hätte mir auch gelegen. Vielleicht treffen wir uns irgendwann mal in einer Traditions-Mannschaft.
Vor Ihrem ersten Duell mit Gerd Müller musste Ihre Mutter Sie erstmal suchen.
Gerd war mein Sprungbrett in die Bundesliga. Aber dass es zum ersten Duell kam, war Glück. Ich war 17, nicht im Kader, daher bin ich nach Hause gefahren. Als dann der Anruf von Erich Ribbeck kam, der mich am Freitagabend zurück ins Trainingslager beordert hat, weil sich Friedel Lutz schwer verletzt hatte, musste meine Mutter mich erstmal vom Bolzplatz zurückholen. Einen Führerschein hatte ich auch nicht, also hat mich mein Vater fahren müssen. Mit einer Landkarte haben wir uns nach Heusenstamm durchgekämpft – wo mich Ribbeck fragte: „Traust Du Dir zu, gegen Gerd zu spielen?“ Meine Antwort: „Ja, das ist eine super Herausforderung.“
Damals, sagen Sie, war Frankfurt die „spielstärkste Mannschaft der Liga“, heute steht man auf Platz vier hinter Bayern, Dortmund und Leipzig. Passt die Platzierung zum Standing in der Bundesliga?
Eine Zeit lang waren wir weiter weg, aber die Wende kam mit dem Pokalsieg gegen die Bayern. Auf so ein Spiel wie 2018 in Berlin hoffe ich auch am Samstag. Die Europa League hat die Euphorie dann richtig entfacht, seitdem ist Frankfurt eine Marke. Man kennt uns, man beachtet uns. Die Entwicklung der Eintracht in den letzten Jahren auf allen Ebenen ist wirklich mehr als beeindruckend. Bayern ist eine eigene Nummer, Dortmund auch. Aber wir haben einige überholt und können unter anderem mit Leipzig auf Augenhöhe agieren. Obwohl unsere besten Spieler immer wieder weggekauft werden…
Markus Krösche gilt daher als bester Manager der Bundesliga.
Markus macht nicht alles allein, wir haben ein hervorragend funktionierendes Team dahinter und das Gehirn Axel Hellmannobendrein. Aber was die Riesenstärke von Markus ist, ist das Vorausdenken. Ich habe ihn mal gefragt: „Markus, wie machst Du das?“ Da hat er mir den Fall von Omar Marmoush erklärt: Im Sommer hätten wir ihn für 20 Millionen Euro verkaufen können. Aber er hat Geduld – die sich gelohnt hat und sowieso meistens lohnt. Das ist die hohe Kunst, die Markus sich erarbeitet hat.
Ist es denn eine Ehre oder nervig, wenn ein Mann wie er Begehrlichkeiten in München weckt?
Dass die Bayern auf ihn aufmerksam werden, ist ganz normal und gehört dazu. Aber Markus weiß, was er hier aufgebaut hat. Warum soll er uns verlassen? Wir sind noch nicht am Ende – und er ist schlau genug, sich das genau zu überlegen, wenn so eine Entscheidung mal ansteht. Allerdings: Sollte er irgendwann mal zu Bayern gehen, hätte er sich einen guten Verein ausgesucht.
Ist auch in Frankfurt der Erfolgsdruck gestiegen?
Die Erwartungshaltung ist groß, ohne Frage. Aber die Fans haben schon ein Gefühl für die jungen Spieler. Als wir gegen Union verloren haben, haben die Fans das gespürt. Nachdem wir die ersten Spiele zu Saisonbeginn, teilweise auch sehr überzeugend, gewonnen haben, wurde gleich von der Deutschen Meisterschaft gesungen…
Ein realistisches Szenario?
Ich würde gerne noch eine Deutsche Meisterschaft mit der Eintracht gewinnen, das ist der einzige Titel, der mich noch fehlt. Aber ich weiß schon, dass die Bayern was dagegen haben. Ich telefoniere auch regelmäßig mit Uli Hoeneß, der mich mit seinem Rat einst zur Eintracht zurückgebracht hat. Er hat gesagt: „Du bist wie Franz Beckenbauer! Du gehörst zu diesem Verein!“ Ich bin Uli nach wie vor sehr dankbar dafür, denn er hat Recht behalten.
Als Spieler sind Sie nie gegangen. Aber heute könnte Krösche auch mit Ihnen viel Geld machen.
Und wie! Die Summen sind immer fiktiv, die Zeiten nicht zu vergleichen. Was wäre ich heute wert? Was wären Fritz Walter oder Uwe Seeler heute wert? Das ist in der heutigen Zeit mit den teilweise horrenden Ablösen schwer mit damals zu vergleichen. Aber…
Was?
Mir geht’s gut, in der Traditionsmannschaft bin ich noch einer der Besten. Ich habe Dino Toppmöller schon oft genug gesagt: Vielleicht kriege ich noch mal eine Genehmigung für die Bundesliga.. Außerdem gewinnt man mit mir immer gegen die Bayern (lacht).
INTERVIEW: HANNA RAIF