Harry Kane will immer gewinnen, am liebsten Trophäen.
Bester Laune: Kane – nun im England-Trikot. © IMAGO
München – Dass Harry Kane ein Vollprofi ist, wusste man schon vor dem vergangenen Sonntag. Aber wer den ultimativen Beweis dafür braucht – hier, bitteschön! „Ich habe ein Bier getrunken – das hat in diesen großen Gläsern gereicht“, sagte der Superstürmer über den Oktoberfestbesuch des FC Bayern dem „Guardian“. Während für viele Kollegen ein Kater-Tag gerade recht kam, gab Kane keine 24 Stunden nach seinem Besuch auf der Münchner Theresienwiese in seiner Heimat England schon wieder ein Interview. Bestens ausgeschlafen – und mit viel Inhalt. Was da aus dem St George‘s Park National Football Centre im mehr als 1000 Kilometer entfernten München ankam: hochinteressant!
Es ist nicht so, als würde Harry Kane nicht auch im Alltag beim deutschen Rekordmeister viel sprechen. Aber die Sätze, die nun von ihm zitiert wurden, boten doch mehr als all die „super Spiel“- und „müssen so weitermachen“-Floskeln, die Woche für Woche nach dem nächsten Torfestival aus seinem Mund kommen. Kane packt aus – und so weiß man seit Dienstag über ihn, dass er „gerne den Ballon d‘Or gewinnen würde“, „besser denn je“ ist, in der „stärksten Mannschaft spielt, die ich je hatte“ und dass er sich einen Verbleib in München über sein Vertragsende im Jahr 2027 „durchaus gut vorstellen“ kann. Besonders das hört man an der Säbener Straße gerne.
Gespräche mit den Verantwortlichen um Max Eberl und Christoph Freund hat es zwar nach wie vor nicht gegeben, aber Kane sagt: „Wenn es dazu kommen sollte, wäre ich bereit, mich offen und ehrlich zu unterhalten.“ Im kommenden Sommer ist der Engländer 33 Jahre alt, vielmehr als sein Alter aber wird die Entscheidung von der Team-Performance beeinflusst. Kane stellte unmissverständlich klar: „Natürlich hängt alles davon ab, wie das nächste Jahr verläuft und was wir gemeinsam erreichen.“ Heißt übersetzt: Jeder Titel mehr ist wichtig, um Kane von einem Verbleib in München zu überzeugen.
Genau zwei (Meisterschaft, Supercup) hat er bisher im roten Trikot gewonnen – für ihn ist das nicht genug. Denn entspannter haben ihn die ersten Trophäen seiner Karriere nicht gemacht, im Gegenteil: Kane hat Blut geleckt. „Ich habe mich in die andere Richtung getrieben, bin noch besser geworden, habe noch gesünder gegessen, mehr Sport gemacht“, plaudert er nun aus. Die Laufleistung, die Tacklings, das Aufbauspiel: All das, wofür er derzeit aus allen Richtungen gelobt wird, ist hart erarbeitet. Sogar er selbst sagt: „Die Art, wie ich das Spiel sehe, ist auf dem höchsten Niveau, das ich je hatte.“
Sowohl in der Bundesliga als auch in der Champions League grüßen die Bayern von der Tabellenspitze. Dem Kompany-Team tut der neue Kane unfassbar gut. Und Kane macht es so viel Spaß, dass sogar der Wunsch nach einer Rückkehr in die Premier League aktuell zweitrangig ist. „Wir sind momentan in einer fantastischen Phase. Ich denke an nichts anderes“, sagt er und gibt auch zu: „Hätten Sie mich gefragt, als ich zum ersten Mal zum FC Bayern gewechselt bin, hätte ich mit Sicherheit gesagt, dass ich zurückkommen würde. Jetzt, wo ich schon ein paar Jahre dort bin, würde ich wahrscheinlich sagen, dass sich das ein wenig geändert hat.“ In der Heimat würde zwar der ewige Torjäger-Rekord warten (48 Treffer fehlen noch), in München aber Titel – und vielleicht noch mehr?
Ja, auch der Ballon d‘Or treibt den Superstürmer an. „Ich würde ihn gerne gewinnen“, sagt er, weiß aber auch, dass es dafür große Trophäen wie „den Henkelpott oder den WM-Pokal“ braucht. Kane träumt öffentlich von dieser „perfekten Saison“. Dafür verzichtet er gerne auf die zweite, dritte oder vierte Maß.HANNA RAIF, PHILIPP KESSLER