Aus Sicht von sogenannten Normalverdienenden ist ein Jahresgehalt von 10 Millionen genauso wenig greifbar wie eines von 20 Millionen. Beide Summen übersteigen die Vorstellung, es ist einfach mehr, als man je wird ausgeben können. Doch versetzt man sich mal auf die andere Seite: Würde man, auch wenn man viel bekommt, noch mehr wirklich ablehnen? Wir haben es zuletzt in einigen Vertragsverhandlungen im Fußball erlebt: Da wird pathetisch von mangelnder Wertschätzung gesprochen, wenn ein neues Angebot das bisherige Gehalt nicht deutlich übertrifft.
Um so erstaunlicher ist, was sich in der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga NHL zugetragen hat, die dieser Tage in ihre neue Saison geht. Den ganzen Sommer über war der weltbeste Spieler Connor McDavid das große Thema. Sein Vertrag mit den Edmonton Oilers läuft in einem Jahr aus, bisher verdiente der Kanadier 12,5 Millionen US-Dollar per anno. Vor wenigen Tagen unterschrieb der weit weniger gute Russe Kirill Kaprizov bei den Minnesota Wild für ein Salär von 17 Millionen Dollar, woraufhin erwartet wurde, in einem neuen McDavid-Vertrag müsse mindestens die Zahl 18000000 stehen. Oder gleich 20 Millionen, und das über die maximale Laufzeit von acht Jahren, um seinen Status zu untermauern. Doch was macht McDavid? Verlängert um zwei Jahre, von 2026 bis dann 2028 – für die bekannten 12,5 Millionen Dollar. Eine Nullrunde.
Natürlich: Der Profisport drüben funktioniert anders. Gehälter werden veröffentlicht, Budgetunter- und obergrenzen, von der Liga festgelegt, regulieren den Wettbewerb. Wir würden das bei uns in Europa wohl gar nicht haben wollen, wenn im Fußball der FC Bayern so haushalten müsste wie der FSV Mainz. Doch im amerikanischen System können dann eben solche Geschichten entstehen wie die um Connor McDavid: Das Mehr an Geld, auf das er verzichtet, wird frei, um das Team ab nächstem Jahr an anderer Stelle zu verstärken und ihm eine größere Chance zu geben, das große Ziel zu erreichen und endlich den Stanley Cup zu gewinnen. Es ist das denkbar stärkste Zeichen an die Stadt, den Club und die Mitspieler um seinen Freund Leon Draisaitl.
Klar: Ein wenig wirtschaftliches Kalkül ist schon auch im Spiel. Man weiß, dass der „Salary Cap“ massiv ansteigt, und beim nächsten Vertragsabschluss, ob bei den Oilers oder anderswo, kann McDavid wirklich hinlangen. Aber für den Moment ist es ein großer Verzicht, den er leistet.