Paul Seixas neben Dominator Tadej Pogacar (l.) © Mill/Imago
München – Als Paul Seixas am vergangenen Sonntag als Dritter auf die Zielgerade in Guilherand-Granges einbiegt, grinst er über beide Ohren. Er blickt sich noch einmal um – aber niemand ist ihm auf den Fersen. Es wirkt, als könnte der gerade erst 19 Jahre alt gewordene Franzose selbst nicht glauben, was er geschafft hat – er ist der jüngste Medaillengewinner bei einer Straßenrad-EM jemals. Nur den beiden Superstars Tadej Pogacar (27) und Remco Evenepoel (25) musste er sich mit etwas mehr als drei Minuten Rückstand geschlagen geben.
Mit beiden wird sich der junge Mann aus Lyon auch am Samstag beim Herbstmonument „Il Lombardia“ messen. Und wenn es nach den französischen Medien geht, wird Seixas sie irgendwann sogar besiegen. „Déjà grand“ (Schon jetzt groß), titelte die „L‘Equipe“ am Tag nach Seixas‘ Coup und setzte ihn aufs Cover. Der „Figaro“ verglich ihn sogar mit den ehemaligen Helden Eddy Merckx (80), Bernard Hinault (70) und eben Pogacar und deren Leistungen im gleichen Alter.
Für Jens Voigt, 17-mal Teilnehmer an der Tour de France und heute Eurosport-Experte, kommt all das nicht überraschend. „Er hat über die ganze Saison so viele Top-10 Platzierungen eingefahren. Die Bronzemedaille war eine logische Konsequenz. Das war kein Glück oder reine Cleverness, er war einfach unglaublich stark.“ Seine Fähigkeiten auf dem Rad bewies Seixas in diesem Jahr bereits als Achter bei der Dauphine-Rundfahrt und bei der Tour de l‘avenir, die er gewinnen konnte.
In Frankreich hofft man, in Seixas den „Erlöser“ gefunden zu haben. Die stolzen Gastgeber sehnen sich nach dem ersten Triumph bei der Tour de France seit dem Sieg Bernard Hinaults 1985. Die Voraussetzungen hat der 1,85m-Mann möglicherweise, doch viele seiner Landsmänner sind an dieser Erwartung bereits zerbrochen. Für Thibaut Pinot, Guillaume Martin, Romain Bardet, Thomas Voeckler und David Moncoutié waren sie zu groß. Auch Warren Barguil kennt das Gefühl, wenn sich die Hoffnungen einer ganzen Nation auf einen konzentrieren: „Es ist immer das gleiche, wenn man eine Reihe guter Erfolge hat. Seixas wird eine Menge Druck zu spüren bekommen, der nächste Hinault zu sein.“ Auch Voigt warnt: „Das ist leider immer so. Ist Lipowitz der neue Jan Ullrich? Ist Paul Seixas der neue Bernard Hinault? Das ist ein Fehler. Lasst die Jungs ihren eigenen Weg gehen.“
Doch vorerst ist das noch Zukunftsmusik. Am Samstag wird Seixas beim Lombardei-Tagesklassiker der jüngste Starter der Geschichte. Dass ihn sein Team Decathlon AG2R eine Woche nach seinem EM-Coup gleich wieder an die Startlinie schickt, findet Voigt richtig. „Der würde verkümmern, wenn man ihn zu sehr zurückhält“, so der 54-Jährige. „Diese Talente leben mit der Herausforderung und mit der Selbsterkenntnis: ‚Hey ich bin besser als ich gedacht habe!‘“.
Damit es erneut mit dem Podium klappt, hat Schlitzohr Voigt einen simplen und zugleich so schwer umzusetzenden Tipp parat: „Paul braucht nur bei Pogacar am Hinterrad zu fahren. Dann ist er automatisch auf dem Podium“. KAU