„Crazy, aber spannend!“

von Redaktion

Emotionaler Stoff: Filmemacher Nahr über die fünfteilige Löwen-Doku der ARD

Äußert sich auch zu 1860: FCB-Patron Uli Hoeneß. © IMAGO

Besuch vom BR: Ismaik mit Nahr und Grantner (l.).

Erfolgsgarant von 1992 bis 2001: Werner Lorant. © Imago

Abendfüllender Stoff: Eine fünfteilige ARD-Doku beschäftigt sich mit dem Aufstieg und dem Absturz des TSV 1860. Dienstag ist Premiere im Cincinnati-Kino. © BR

München – Wo die Löwen sind, ist meist auch Christoph Nahr. Seit Ende der 90er-Jahre begleitet der Münchner den TSV 1860 für den BR. Nun hat ein Autorenteam um Nahr eine fünfteilige Doku für die ARD gedreht: „Rise & Fall“ of 1860. Dienstagabend ist exklusive Premiere im Cincinnati-Kino (19 Uhr). Wir sprachen vorab mit dem 55 Jahre alten Filmemacher.

Hallo Herr Nahr, wie oft mussten Sie noch mal ran an die abgedrehte Doku? Geplatzter Verkauf der Ismaik-Anteile, Volland/Niederlechner-Euphorie, Doppelrauswurf Glöckner/Werner…

In weiser Voraussicht hatten wir die Folgen so geplant, dass wir nicht superaktuell rausgehen. Ursprünglich war der Anteilsverkauf als Schluss geplant. Dass daraus doch nichts wurde, war aber auch ein guter Exit-Punkt. Bei den Löwen muss man jederzeit mit einer neuen Wendung rechnen.

Sie begleiten die Löwen hautnah seit den 90er-Jahren. Wie kam’s zu der Idee, den Stoff in eine fünfteilige Doku zu packen?

Das Ganze ist ja eine große ARD-Geschichte. Sportdokus boomen, faszinierende Traditionsvereine gibt es in ganz Deutschland – und mit den verschiedenen Rundfunkanstalten können wir die großen Stärken der ARD ausspielen. Meine BR-Kollegen Lennart Bedford-Strohm und Maximilian Stockinger hatten die Idee dazu, daher war es naheliegend, dieser Serie mit 1860 einen emotionalen Kickstart zu geben. Gemeinsam mit Robert Grantner haben wir uns an die Arbeit gemacht. Da wir alle aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf unsere Geschichte geschaut haben, ist hoffentlich eine spannende Serie entstanden und keine klassische Sportdoku.

Wo steigen Sie ein? In den goldenen 60er-Jahren? Oder erst in den Jahren, die Sie selber als BR-Reporter miterlebt haben?

Da gab es natürlich lange Diskussionen. Bei fünf Teilen à 30 Minuten haben wir schnell gemerkt, dass wir nicht bei Pontius und Pilatus anfangen können, dementsprechend haben wir uns auf drei Kernzeiten konzentriert: Die 60er-Jahre, die den Mythos 1860 begründet haben – und die Zeit, als Lorant und Wildmoser den Verein übernommen haben. Der einsetzende Größenwahn, mit dem FC Bayern auf Augenhöhe spielen zu wollen – das war sozusagen der letzte Rise. Danach ein langer Fall: Umzug in die Arena, Abstieg, Wildmoser-Wirbel, Ismaik-Einstieg.

Vermutlich kommen viele Zeitzeugen zu Wort. Welche genau? Und waren alle sofort bereit, mitzumachen?

Zum Glück haben wir wenig Überzeugungsarbeit leisten müssen, hatten aber auch Unterstützung durch den Verein. Wir haben eigentlich alle gekriegt, die wir angefragt haben. Ein Highlight war natürlich die Reise nach Abu Dhabi – zu Hasan Ismaik. Auch Karl-Heinz Wildmoser jr. haben wir bekommen – er hat offen wie nie über den Arena-Skandal gesprochen, über seine Festnahme, das Verhältnis zu seinem Vater. Ich denke, wir haben einige einmalige Aussagen bekommen, auch von Protagonisten, die nur bedingt mit 1860 zu tun haben: Alt-OB Christian Ude und Uli Hoeneß, um nur die prominentesten Köpfe zu nennen. Den letzten Teil beginnen wir mit der Beerdigung von Werner Lorant – auch, um noch mal darzustellen, dass die Löwen-Liebe teilweise über den Tod hinaus geht.

Wer so einen Film macht, hat vermutlich selber ein kleines Löwen-Herz. Was schoss Ihnen durch den Kopf beim Sichten des Bildmaterials?

Es war wie eine Zeitreise. Da kamen tolle Erinnerungen hoch – auch an meine Zeit als junger Reporter, der rastlos von A nach B gesprungen ist. Das hat was mit mir gemacht, mir wurde noch mal die ganze Faszination meines Berufs vor Augen geführt. Das meiste Herzblut habe ich aber beim Schnitt verschüttet. Es war einfach zu viel Zeug. Unglaublich fast, wie umfangreich die Berichterstattung über Sechzig in den 90er- und Nuller-Jahren war!

Zur Premiere am Dienstag: Wie soll der Abend ablaufen? Mit prominenten Gästen? Der ausgerollte Teppich wird vermutlich nicht rot, sondern blau sein…

Mit der Organisation des Abends habe ich wenig zu tun, hoffe aber, dass uns diese Panne erspart bleibt (lacht). Wir freuen uns, dass die ganze Mannschaft kommt, Benny Lauth, hoffentlich auch Daniel Bierofka. Ich hab schon jetzt ein bisschen Herzklopfen, denn es ist das erste Mal, dass ein Film, an dem ich beteiligt war, auf so einer großen Leinwand gezeigt wird.

Kurz noch zur aktuellen Saison: Erst grenzenlose Euphorie nach gutem Start mit Rückkehrer Volland, dann wieder Untergangsstimmung, Chaos, personelle Opfer. Typisch für 1860?

Absolut typisch! Ich musste schmunzeln, dass ich mich teilweise auch von der Euphorie hab anstecken lassen – dabei bin ich jetzt so lange dabei! Ich hätte es besser wissen müssen. Ein Stück weit macht es diesen Verein aus, dass er immer wieder in der Lage ist, Begeisterung zu schüren – nur, um kurze Zeit später wieder alles einzureißen. Crazy, aber spannend! Das ist so‘n bisschen auch die Message des Films. Wir hoffen, dass die Faszination, die von 1860 ausgeht, auch bei Zuschauern in Wanne-Eickel rüberkommt.

Der neue Hoffnungsträger heißt Markus Kauczinski. Eine gute Wahl?

Ich kann es mir vorstellen, war ja auch selber bei seiner ersten Pressekonferenz. Ich wünsche ihm, dass er den Spagat zwischen Distanz und Folklore hinbekommt. Aber: Mit Prognosen bei 1860 soll man bekanntlich vorsichtig sein.

INTERVIEW: ULI KELLNER

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