ZUM TAGE

Kult statt Hochglanz: Ganz großes Löwen-Kino

von Redaktion

Premiere der ARD-Doku über 1860

Dienstagabend wird im altehrwürdigen Cincinnati-Kino der blaue Teppich ausgerollt. Zumindest hofft Filmemacher Christoph Nahr, dass sich ein blauer Stofflaufsteg auftreiben lässt, denn Rot ist bekanntlich tabu im Zusammenhang mit 1860. Ansonsten ist die Bühne bereitet für eine rauschende Premiere: Aktuelle und ehemalige Profis vor Ort, die Macher der fünfteiligen Löwen-Doku, sogar der Programmdirektor der ARD hat sich angesagt. Wann gab es das schon mal, dass ein Fußball-Drittligist 150 Minuten in 2K-Auflösung und Dolby Surround 7.1 gewidmet bekommt – und jeder Fußballfan auf der Welt den 1860-Streifen über die Mediathek streamen kann (ab 25. Oktober)? Nur die Sache mit dem roten Teppich, findet Nahr – auf diese Schlagzeilen würde man gerne verzichten.

Wundern würde so ein Fauxpas niemand, der mit dem TSV 1860 zu tun hat. Kein anderer Verein zieht die Pannen so an wie Torhüter-Idol Radi früher die Bälle der Bundesligarivalen. Es spricht für die Löwen, dass sie trotz ihrer Unvollkommenheit so viele Menschen bewegen, dass nicht etwa der FC Bayern, sondern der blaue Nachbarverein den Auftakt der ARD-Dokureihe über Traditionsvereine bildet. Skandale, Pleiten und Zwangsabstiege pflasterten den Weg der erfolgreichen 60er-Jahre-Löwen in die trübe Drittliga-Neuzeit. Auf der anderen Seite kann man sich leicht vorstellen, was möglich wäre, wenn in diesem Verein mal alle an einem Strang ziehen würden. Sechzig steht nämlich nicht nur für Chaos und Krisen, sondern auch für Leidenschaft, Folklore und ewige Fantreue. Werte, die man nicht für Geld kaufen kann. Wenn jetzt noch Erfolg da wäre, würde 1860 auch bei den Sportsendern im Hauptprogramm laufen.

Und trotzdem: Der Giesinger Kultverein elektrisiert auch deswegen so viele Menschen, weil er halt kein Hochglanzprodukt ist, sondern das normale Leben abbildet. Streit, Nöte und Finanzsorgen gehören schließlich in vielen Haushalten zum Alltag. Gäbe es die Löwen nicht, müsste man sie erfinden. Ach ja, und Kompliment an Christoph Nahr & seine drei BR-Kollegen: Das gute alte Cincinnati-Kino passt auch viel besser zu diesem Verein als all die gesichtslosen Multiplex-Häuser.

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