Neugierig aufeinander: Harold Kreis (l.) lud den Ingolstädter Coach Mark French zum Deutschland Cup ein. © DEB/City-Press
Landshut – Auf den Fußball übertragen: Es stehen Länderspiele an, und Bundestrainer Julian Nagelsmann holt sich aus der Bundesliga ein paar Assistenten. Vincent Kompany von den Bayern, der gerade sehr erfolgreich ist, und Sebastian Hoeneß, den er für seine Arbeit mit den deutschen Spielern beim VfB Stuttgart sehr schätzt. Kompany und Hoeneß setzen sich auf die Bank, schauen auf ihre Tablets, ab und zu gibt es einen kurzen Austausch mit Chef Nagelsmann, wenn der gerade nicht durch die Coaching-Zone tigert.
Ein undenkbares Szenario. Doch im Eishockey ist es ein gängiges Modell. Jetzt eben wieder beim in Landshut stattfindenden Deutschland Cup, auch bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Der deutsche Bundestrainer Harold Kreis wird in der Vorbereitungsarbeit auf dem Eis und während den Spielen an der Bande flankiert von Alex Sulzer und Mark French, den Chefcoaches der Fischtown Pinguins Bremerhaven und des ERC Ingolstadt, Dritter und Vierter der aktuellen Tabelle der Deutschen Eishockey Liga (DEL).
Kreis (66) ist seit 2023 Bundestrainer. Fest angestellt. Dafür hat er seine Vereinstätigkeit, zuletzt in Schwenningen, beendet. Er trat beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) gemeinsam mit Alexander Sulzer (41) an. Wobei Sulzer für den Verband lediglich in Teilzeit arbeitet; der ehemalige NHL-Verteidiger will sich in Bremerhaven als Trainer entwickeln. 2024 stieß er erst in der letzten Phase der WM-Vorbereitung zum Nationalmannschafts-Trainerstab, er hatte mit Fischtown das DEL-Finale zu bestreiten. Kurios: Sein Gegner in den Meisterschafts-Endspielen, Serge Aubin von den Eisbären Berlin, wurde dann bei den WMs 2024 und 25 zweiter Assistent. Nun beim Deutschland Cup fehlt Aubin (50), der in den vergangenen fünf Jahren viermal DEL-Champion wurde. Dafür im Einsatz: Mark French, den viele für den besten Trainer in der DEL halten.
Wie funktionieren solche Konstellationen, bei der starke Persönlichkeiten sich auch zurücknehmen müssen? Harold Kreis verweist auf das breite Aufgabengebiet, er schafft klare Zuständigkeiten. Sulzer als ehemaliger Abwehrspieler coacht die Verteidiger, verantwortet das Unterzahlspiel, leitet große Teile des Trainings; die Kanadier Aubin oder nun French betreuen die Stürmer und denken sich aus, wie man im Powerplay agiert. Kreis als Chef hält die Ansprachen, trifft die personellen Entscheidungen, bestimmt das System, in dem man grundsätzlich spielt. Und er sagt: „Ich kann von den anderen lernen.“
Neugier auf die Einschätzung eines Kollegen veranlasste ihn, Mark French (54) vom ERC Ingolstadt einzuladen. Kreis: „Ich hatte vor etlichen Jahren das Vergnügen, gegen ihn in der Schweiz zu coachen. Es war immer sehr fordernd, gegen seine Mannschaften zu spielen. Er kann uns als Mannschaft bereichern.“ Zuletzt gewannen Frenchs Ingolstädter 10:3 gegen Köln und 8:0 in Frankfurt. Beim DEB herrschte große Freude, dass der erfahrene French sich für die deutsche Trainerausbildung anmeldete und in Füssen den A-Schein machte. DEB-Sportvorstand Christian Künast: „Mark hat da einen sehr guten Eindruck hinterlassen, er hat alle an seinem Wissen teilhaben lassen.“ In Landshut fügt French sich ebenfalls ein: Zusammen mit Dimitri Pätzold bohrt er für eine Übung, bei der die Tore anders stehen müssen, Löcher ins Eis.
Auch Pätzold (42) gehört zum Trainerstab. Der ehemalige Nationaltorwart, der sogar ein paar NHL-Spiele aufweisen kann und seine Karriere vor einem Jahr bei Erding in der Bayernliga ausklingen ließ, wurde erstmals als Torwarttrainer eingeladen. 2023 wurde Sebastian Elwing von den Eisbären Berlin hinzugezogen, 2024 der frühere Tölzer Ilpo Kauhanen, der hauptberuflich für Ingolstadt arbeitet. Mit Dennis Endras (40) hat der DEB sogar einen offiziellen Bundestorwarttrainer – der allerdings auch bei den Nachwuchs-Teams präsent sein muss. Bei Olympia wird Harold Kreis wohl wieder auf Kauhanen (52) zurückgreifen. Und auf Serge Aubin, „der es diesmal nicht einrichten konnte“. Als freier Mitarbeiter darf das auch mal sein.GÜNTER KLEIN