Gut zwei Jahre ist es her, dass Julian Nagelsmann die Nationalmannschaft übernahm. Er holte einige Spieler, die zuvor bei Hansi Flick keine Rolle gespielt hatten, die Stammtische nickten die neuen Personalien ab und sagten: Jetzt wird wieder nach Leistungsprinzip nominiert.
Es ist eine idealistische Idee von Gerechtigkeit, dass die Auswahlmannschaft immer von denen gebildet werden solle, die gerade die beste Form aufweisen und mit der Berufung belohnt werden. Doch es ist auch ein reichlich naives Modell – schon allein deshalb, weil die andere Forderung der Fans lautet, die Nationalmannschaft müsse sich einspielen und sollte daher möglichst oft in einer Stammbesetzung auflaufen. Die beiden Idealvorstellungen passen also nicht zusammen.
Gerade in der jetzigen Phase zeigt sich, wie komplex der Vorgang ist, einen Kader zusammenzustellen. Soll man die Bundesliga-Unbekümmertheit von Teenagern nutzen, um der Nationalelf einen Kick zu geben auf den letzten Metern der WM-Qualifikation – oder wäre im Sinne einer mittel- bis langfristigen Entwicklung von 19- (oder gar 17-jährigen) Talenten ein späterer Einstieg auf der Basis von nachhaltigerer Vorleistung besser? Soll man einen – und hier sind wir beim viel diskutierten Fall Angelo Stiller – Spieler mit sehr guter Perspektive nominieren, auch wenn er wegen eines derzeit großen Angebots auf seiner Position voraussichtlich nicht eingesetzt werden wird gegen Luxemburg und die Slowakei? Richtig kompliziert ist es bei Leroy Sané: Seine in der Türkei gezeigten Leistungen sind nicht wesentlich besser als im September und Oktober, als der Bundestrainer sich gegen ihn entschied – nun aber glaubt er, dass das Profil eines Spielertypen wie Sané im Kader unterrepräsentiert sei.
Ein Trainer muss sich diese Gedanken machen um die Verteilung der Rollen, seine Arbeit geht tiefer, als der Stammtisch sich das vorzustellen vermag. Allerdings darf man Nagelsmanns Kommunikation als bisweilen befremdlich empfinden. Als junger Trainer bemüht er sich darum, keine Frage unbeantwortet zu lassen, doch wenn er einen wie Sané mal abkanzelt und nicht nominiert, dann ihn aber nominiert und dennoch abkanzelt („Eine seiner letzten Chancen bei mir“), dann fragt man sich schon: Welchen Prinzipien folgt der Bundestrainer?