2022 gewann „Vocki“ seinen einzigen Weltcup © Instagram
Lucas Pinheiro Braathen an der Copacabana © Instagram
Bunt und auffällig mag er gerne: Lucas Pinheiro Braathen will bei Olympia eine Medaille für Brasilien holen. © Instagram
Salzburg – „Das ist der Passinho“, sagt Lucas Pinheiro Braathen und setzt sein rechtes Bein vor das linke, zurück auf die Seite und dann hinter das rechte. Dazu wackelt er rhythmisch mit dem Handgelenk. Schon vor dem Start der neuen Saison zeigt Braathen vor der Kamera die Tanzmoves, die er bald wieder im Zielraum aufführen will. An diesem Tag in Salzburg, beim Media-Day seines Skiausstatters, wird klar: Der 25-Jährige ist kein gewöhnlicher Skiprofi. Der Norweger mit brasilianischen Wurzeln kommt im Sportwagen, lacht, tanzt und spielt mit der Kamera. Müsste Braathen seinen Beruf beschreiben, würde er wohl sagen: „Hauptberuflich Skifahrer, aber auch Model, DJ, Mode-Ikone und Social-Media-Star.“
Leon Vockensperger weiß, wie es ist, mehr als nur Profisportler zu sein. Auch der Rosenheimer modelt und ist Content-Creator, neben seinem Dasein als bester deutscher Slopestyle- und Big-Air-Snowboarder. „Wir sind uns sehr ähnlich, deshalb verstehen wir uns vermutlich auch so gut“, sagt der 26-Jährige über Braathen. Beide haben denselben Helm-Sponsor und kennen sich von Events, aber sie haben mehr gemeinsam als nur ein paar Hobbys: Sie wollen inspirieren und sich nicht verstellen.
„Ich hoffe, dass der Skisport offener wird. Es muss mehr Diversität und Inklusivität geben“, sagt Braathen. Skifahren, das ist für ihn Ausdruck von Lebensfreude. Mehr „joga bonito“ – ein brasilianischer Begriff für das schöne Spiel – und weniger verkrustete Verbandsstruktur.
Auch Leon Vockensperger will, dass Sport für mehr Menschen zugänglich wird. „Nicht nur die, die es sich leisten können, sondern auch der junge Leon, der damals nicht so privilegiert aufgewachsen ist.“ Damit sich das ändert, gründete der Rosenheimer im Sommer ein Start-up: Rent&Send – eine Art Airbnb für Sportequipment. Statt 100 Euro beim Skiverleih zu zahlen, können Ski oder Snowboards bei Privatpersonen für einen Bruchteil ausgeliehen werden. So zumindest das Konzept.
Die Gründung war nicht das Einzige, was Vockensperger in der Offseason beschäftigte. „Ich habe Kampagnen geshootet, mit Marken kooperiert und viel Social Media gemacht. Das macht mir Spaß.“ Den Vorwurf, er würde sich durch die ganzen Nebenschauplätze zu wenig auf den Sport und die Olympiasaison konzentrieren, kann er nicht verstehen. Der 26-Jährige braucht die Abwechslung – nur Snowboarden wäre ihm zu langweilig. Die Ablenkung hilft ihm auch, einen kühlen Kopf zu behalten. Ziemlich genau dasselbe trifft auf sein Skipendant zu.
„Das alles gibt mir Kraft“, sagt Braathen, angesprochen auf seinen vollen Terminkalender. „Aber natürlich muss ich eine Balance finden. Skifahren ist die größte Liebe in meinem Leben, aber es ist nur eine von vielen Lieben in meinem Leben.“ Die jetzige Olympiasaison ist etwas besonders für den 25-Jährigen, der nach seinem Rücktritt 2023 (als Norweger) in sein zweites Weltcup-Jahr als Brasilianer geht.
Die Heimat seiner Mutter habe ihn im letzten Jahr als den akzeptiert, der er ist. Jetzt will er dem Land mit mehr als 200 Millionen Einwohnern etwas zurückgeben. Olympia ist für den Mann aus Oslo beides zugleich: Motivation und Druck – und der Druck, den er als Brasilianer spürt, ist deutlich größer als der, den er noch als Norweger kannte. „Ich bin der Einzige, der eine Chance hat, eine Medaille für Brasilien zu holen – und ich werde alles dafür tun.“
Der Nationenwechsel im vergangenen Jahr hat für ihn auch Symbolcharakter. „Das alles habe ich gemacht, weil ich meiner Bestimmung folgen musste. Dieses Projekt repräsentiert den Kampf für die eigene Persönlichkeit. Damals bin ich für andere Ski gefahren – nicht für mich. Jetzt kann ich das machen, was ich liebe, aber auf meine Art. Das macht mich glücklich.“
Ähnlich tickt Vockensperger. Allerdings ist der Rosenheimer in der Freestyle-Bubble längst umgeben von Gleichgesinnten. Lackierte Fingernägel, ausgefallene Outfits, Modeljobs – all das gehört in der Snowboard-Szene schon lange dazu. Was beide verbindet: Sie leben ihren Sport auf ihre ganz eigene Weise. LENNARD KAUSEMANN