Nach dem Aufstieg werden die Ski „abgefellt“ und die Bindungen für die Abfahrt verriegelt. © Vaninetti/Imago
Im Sprint duellieren sich sechs Sportler auf einer Skipiste. Während des Aufstiegs gib es eine Tragepassage in der die Ski geschultert werden. © Abaca/Imago
Hochgurgl – Tokio, Sommer 2021 – das Internationale Olympische Komitee (IOC) beschließt Ski Mountaineering in ihr Programm aufzunehmen. Für die heute besten deutschen „Skimo“-Athleten Tatjana Paller und Finn Hösch (damals 25 und 18) wird ein „Traum“ wahr. Doch die Szene ist seitdem zerrissen. Denn nur eine der vier Disziplinen wurde olympisch – der Sprint.
Dort starten in mehreren Läufen jeweils sechs Athleten gleichzeitig und müssen, auf Tourenski, 70 Höhenmetern einer Skipiste aufsteigen, ehe sie eine Strecke mit Steilkurven abfahren. Teil des Parcours sind mehrere Wechselzonen, in denen die Ski geschultert oder für die Abfahrt abgefellt werden. Gesamtdauer: circa dreieinhalb Minuten.
Beim Skimo-Saisonauftakt, am vergangenen Wochenende in Solitude (USA) setzten Paller und Hösch in der Sprint-Mixed-Staffel (ebenfalls olympisch) ein Ausrufezeichen. Das Team kam auf Rang zwei ins Ziel, eine Zeitstrafe für ein verlorenes Fell warf sie im Nachhinein auf Rang vier zurück. Im Einzel-Sprint kamen Paller und Hösch auf Rang neun und zehn.
Mit „normalem“ Skitourengehen im freien Gelände hat das alles wenig bis nichts zu tun. Und genau das ist der Kritikpunkt. Traditionalisten der Szene attackieren die IOC-Entscheidung scharf. „Die Sportart, die bei den Olympischen Spielen ausgetragen wird, ist eine Schande für den Namen Skibergsteigen“, so die Schwedin Emilie Forsberg Anfang des Jahres.
Auch Anna Michel war irritiert. „Ich glaube kaum, dass sich jemand ein Sprintrennen anschaut und danach mit Skimo anfängt“, so die 22-Jährige aus Bad Hindelang. Dennoch überlegte auch sie 2021 ihr Sprinttraining zu intensivieren und die Olympia-Qualifikation zu probieren. Und das, obwohl ihr andere Disziplinen besser gefallen und liegen. Schlussendlich entschied sie sich dagegen. Heute startet sie vor allem bei den längeren Individual- und Vertical-Rennen.
Dass es zu Diskussionen in Outdoorsportarten kommt, wenn die „Freigeister“ in den Olympia-Katalog aufgenommen werden, ist nicht überraschend. Klettern, Surfen und Skaten 2020 und Snowboarden 1998 durchliefen vor den jeweiligen Olympiapremieren ähnliche Konflikte. Alteingesessene Sportler stehen Olympia oft kritisch gegenüber. Man sieht sich schließlich nicht nur als Sportart, sondern als Gegenkultur zum IOC – freiheitsverbunden und kommerzkritisch.
„Die Szene hat sich verändert“, bestätigt auch Hermann Gruber, Sportlicher Leiter der Skimo-Abteilung des Deutschen Alpenvereins (DAV). Es gäbe zwei Lager. Vor allem die jüngeren Athleten, die mit dem IOC-Beschluss groß geworden sind, würden pragmatischer denken. „Für die ist das einfach Leistungssport. Punkt.“ Hösch beispielsweise war schon als Kind im Verband – seine beste Disziplin ist glücklicherweise der Sprint. Teamkollegin Paller ist sogar Medaillenkandidatin.
„Aus unserer Sicht können wir diese Entscheidung also nicht wirklich kritisch sehen“, sagt Hösch angesprochen auf den Konflikt. Zwar könne er sich in Sportler, denen der Sprint nicht liegt, hineinversetzen, „ich bin mir aber sicher, dass auch diese Athleten, von den Olympia-Förderungen und der wachsenden Aufmerksamkeit profitieren“, so der 22-Jährige.
Der Maschinenbau-Absolvent denkt zudem schon über die Olympia-Premiere hinaus. Bormio sei hoffentlich nur der erste Schritt. „Es wäre ziemlich gut, relativ bald eine Zusage für die nächsten Spiele zu haben – am besten mit dem von vielen Langdistanzlern geforderten Individual-Wettkampf.“
Eine Zusage für mehrere olympische Zyklen wäre auch für Hermann Gruber wichtig. In den vergangenen vier Jahren habe sich im Verband und in der Förderung viel getan, doch viele Entscheidungen zur sportlichen Ausrichtung seien von Unsicherheit geprägt gewesen. So entschied sich Gruber bewusst dagegen, wie der französische Verband, sich auf Sprintwettkämpfe zu fokussieren und die Trainingsgruppen aufzuteilen.
„Lass das Ganze etwas Einmaliges sein. Dann hätten wir unser System für einen Zyklus umgebaut, und das bricht danach zusammen. Deshalb haben wir gesagt: Wir unterstützen alle Disziplinen und machen keinen Spezial-Wahnsinn“, so der sportliche Leiter. Sollten in Zukunft mehrere Disziplinen im Programm stehen, müsse man sich „überlegen, ob wir uns anders strukturieren.“ Die Entscheidung dafür fällt vermutlich während oder kurz nach den Spielen im Februar.LENNARD KAUSEMANN