Abwechslung im Alltag der Kinder im Flüchtlingsheim
Geschicklichkeit und Teamgeist sind bei diesem Spiel gefragt – Freund mittendrin.
Die vielen Kinder konnten es kaum glauben, dass Severin Freund durch die Lüfte geflogen ist. Jetzt unterstütz der Olympiasieger soziale Projekte wie „Right to Play“. © Right to Play (4)
In der Grenzregion zwischen Thailand und Myanmar spielt Severin Freund mit den Kindern Korbball.
München – Als die alten Kollegen in der vergangenen Woche in Nordeuropa über die Schanzen tourten, da sah Severin Freund noch aus dem heimischen Wohnzimmer zu. Erst an diesem Wochenende in Engelberg ist er vor Ort. Analysiert als Experte für das ZDF die Szene, der er lange selbst angehört hat.
Wirkliche Sehnsucht nach dem Fliegen hat er drei Jahre nach seinem Karriereende nicht mehr. Der 37-Jährige hat seinen Frieden mit seinem alten Leben lange gefunden. Mittlerweile sind Freund und seine Frau Caren Eltern einer Tochter (7) und eines Sohnes (1). Die Familie ist aus München in die Nähe von Landshut gezogen. Mit seinen Engagements – neben dem Job als TV-Experte ist Freund auch als Redner aktiv – ist er bewusst zurückhaltend. „Weil ich die Zeit mit den Kindern genießen will“, wie er sagte.
Und dann ist da ja auch sein Herzensprojekt. Bereits seit einigen Jahren ist Severin Freund Botschafter der Kinderhilfsorganisation Right To Play. Verantwortlich dafür war die Begegnung mit ihrem Gründer Johann Olav Koss, die den einstigen Ausnahme-Skispringer tief beeindruckte. In Diensten der Organisation hat Freund in der Vergangenheit unter anderem ein Flüchtlingscamp in der Grenzregion zwischen Thailand und Myanmar besucht. „Wobei es ‚Camp‘ nicht ganz trifft“, sagte er, „das ist eher eine Stadt“. Weit über 100 000 Menschen sind dort untergebracht.
Als großer, blonder Olympiasieger war Freund bei den Kindern natürlich eine Attraktion – gleichzeitig aber auch eine Kuriosität. „Als ich ihnen gesagt habe, dass ich dafür durch die Lüfte geflogen bin, sah man das Rätseln in ihren Augen“, erinnert er sich. Solche Begegnungen haben ihn tief berührt: „Es macht einfach etwas mit dir, wenn du siehst, welche Kraft Sport und Spiele haben.“ Besonders beeindruckt hat ihn, wie schon kleine Mittel viel bewirken können: „Für 35 Euro kannst du ein Kind zurück in die Schule bringen.“
Freund wirbt nun immer wieder für die Organisation, deren Bekanntheitsgrad trotz ihres Hauptsitzes in München noch überschaubar ist – zuletzt am „Giving Tuesday“, einem amerikanischen Brauch, der Menschen dazu anregt, ehrenamtlich zu arbeiten oder zu spenden. „Ich will meinen Beitrag leisten, dass noch weit mehr Leute die Organisation kennenlernen“, betonte er.
Wobei Right To Play übrigens nicht sein einziges soziales Engagement ist. Das andere allerdings hat einen weit persönlicheren Hintergrund hat. Im vergangenen Jahr hatte Freund ja öffentlich gemacht, dass er seit seinem 16. Lebensjahr an Epilepsie leidet. Seither tritt er immer wieder auf, um Aufklärungsarbeit über die Krankheit zu betreiben und zu zeigen, dass Epilepsie kein Hinderungsgrund für Spitzenleistungen sein muss.
Wofür Freund selbst das beste Beispiel ist. Der in Rastbüchel aufgewachsene Mann hat es mit akribischer Arbeit zeitweilig zu einem der besten Skispringer der Welt gebracht. 20 Weltcupsiege hat er in seine Vita gebracht, dazu drei WM-Titel und der Team-Olympiasieg von Sotschi 2014. Und es hätte vermutlich noch einiges mehr werden können, hätten ihn nicht gleich zwei Kreuzbandrisse aus der Bahn geworfen.
Den Absprung aus dem Profisport hat er 2022 gemeistert. Und gefunden, wofür sein Herz heute wirklich schlägt.PATRICK REICHELT