Am Ende ratlos: Das zweite Jahr wurde für Herbert zur unlösbaren Aufgabe. © IMAGO
München – Der Beschluss ließ nicht lange auf sich warten. In den Stunden nach dem 77:103-Debakel bei der AS Monaco traten die Verantwortlichen der Basketballer des FC Bayern zusammen. Tags darauf war die Sache dann offiziell: Weltmeister-Trainer Gordon Herbert ist in München Geschichte. Nach bis dato nie dagewesenen acht Euroleague-Pleiten in Serie zog der Deutsche Meister die Reißleine. Und Sportchef Dragan Tarlac sprach die erwartbaren Worte: „Leider gibt es Situationen im Sport, die keinen anderen Weg als Veränderung erfordern.“
Beim BBL-Zuschauerrekord bei den Baskets Bonn in Köln (souveräner 83:55-Sieg) am Sonntag rückten die Assistenten in die Verantwortung. Schon bis zum Euroleague-Duell am Dienstag (19.30 Uhr) gegen Hapoel Tel Aviv hofft der FC Bayern, einer Nachfolgeregelung zumindest nahe gekommen zu sein. Das kommt nicht unbedingt überraschend, denn natürlich haben sich Tarlac & Co schon längere Zeit mit diesem Szenario befasst.
Daran konnte auch Platz eins in der BBL und das erreichte Pokal-Top4 nichts ändern. Denn die Münchner definieren sich schon längst vor allem darüber, in der Euroleague konkurrenzfähig zu sein. Ob man in diesem Jahr die spielerischen Mittel dafür in den Händen hat, darüber waren die handelnden Personen offenbar geteilter Meinung. Tarlac soll im Kader auch weiter das Potenzial für ein Playoff-Team sehen. „Wir haben noch große Ziele , auch die Euroleague ist nicht mal bei der Halbzeit angelangt“, sagte er. Herbert sah das anders. Noch vor der Abreise nach Frankreich zu Wochenbeginn sagte der Mann, dessen Spezialgebiet das Formen von Kollektiven ist: „Wir sind noch kein Team.“
Ob man in der Entwicklung weiter sein könnte, darüber scheiden sich die Geister. Bisweilen blitzte schon gehobenes Potenzial auf wie in jener Phase Ende Oktober/Anfang November als die Bayern nacheinander Real Madrid, Virtus Bologna und Paris bezwangen. Weitaus öfter aber fiel die Mannschaft auseinander. Unter Druck fehlte Führung, fehlte Struktur. Kein Zufall, dass die Bayern auch ihre Fähigkeit verloren, enge Spiele auf ihre Seite zu ziehen. Vier Euroleague-Partien wurden seit November erst in den Schlusssekunden entschieden (Barcelona, Efes Istanbul, Dubai, Villeurbanne), alle vier gingen verloren. Im Vorjahr war das anderes, auch dank Schlüsselspielern wie Nick Weiler-Babb, Carsen Edwards oder Devin Booker, die man im Sommer ziehen lassen musste oder wie im Falle von Shabazz Napier ziehen lassen wollte.
Dass die Münchner Edelverpflichtung Rokas Jokubaitis den Job bei den Bayern mit frisch zerfetztem Kreuzband antrat, machte den Neuaufbau nicht einfacher. Ersatzlösung Stefan Jovic und auch Spencer Dinwiddie konnten diese Lücke nicht füllen. Ob das unter dem neuen Coach anders wird– Herbert dürfte es mit Interesse verfolgen. Seine eigene Zukunft hat er längst geregelt. Ab Sommer wird er Nationalcoach Kanadas.PATRICK REICHELT