Der Spruch ist so gut, dass er alle Jahre wieder herausgekramt werden darf– also, bitte: The same procedure as every year. 19 Jahre ist es inzwischen her, als ein weiser Mann in Rage feststellte, dass „der Nikolaus nicht der Osterhase“ sei. Bis heute hat sich ja nichts daran geändert, dass alles, was in der Hinrunde einer Fußball-Saison passiert, nettes Vorgeplänkel ist für die Monate, in denen es in ein paar Spielen um Alles-oder-Nichts geht. Und trotzdem gibt es Jahre, in denen der Nikolaus dem Osterhasen mehr mit auf den Weg geben kann als in anderen. Eines davon ist 2025.
Als Uli Hoeneß 2006 mit seiner längst legendären Aussage davon ablenken wollte, dass die Bayern im Winter auf Platz drei standen, verpuffte die verbale Attacke. Am Ende war man Vierter, hinter Meister Stuttgart, Schalke (!) und Bremen – allein das wirkt wie ein Szenario aus einer anderen Zeit. In die wohl verdiente Winterpause gehen die nationalen Über-Bayern heuer mit neun Zählern Vorsprung auf die lahmende Verfolger-Truppe. Auch wenn es an der nun für knapp zwei Wochen stillen Säbener Straße niemand lesen will: Zum 35. nationalen Titel kann – oder eher: muss – man eigentlich schon gratulieren.
Reicht das?! Natürlich nicht! Denn auch wenn verstaubte Sprüche aktuell bleiben, die Ansprüche beim FC Bayern haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten gravierend verschoben. Das Wort „Triple“ gehört seit 2013 zum Standard-Vokabular, auch Vincent Kompany hört es Woche für Woche. Doch während seine Vorgänger teils krachend an der Erwartungshaltung gescheitert sind, umgibt den Belgier als ersten Coach seit Langem die Aura eines möglichen Erfolgstrainers. Dafür hat er keine eineinhalb Jahre gebraucht.
Sein Geheimnis baut auf dem Prinzip der natürlichen Autorität auf – und kommt an. Man überwintert in drei Wettbewerben, für ein ruhiges Fest wie lange nicht aber sorgt vor allem das Binnenklima. Es wirkt wie ein Fundament für Großes, aber auch so, als würde es ein Scheitern verkraften.
Wie anders Kompany ist, hat er übrigens mit seinen letzten Worten 2025 bewiesen. Wenn man in 20 Jahren zwei Mal die Champions League gewinnt, sagte er nach dem finalen Sieg in Heidenheim, hat man sie halt auch 18 Mal nicht gewonnen. Auch Realismus tut der Branche gut. An Weihnachten wie an Ostern.