Zum Auftakt am Podest: Felix Hoffmann wurde beim ersten Tournee-Springen in Oberstdorf starker Dritter und hält sich damit weiterhin alle Chancen offen. © IMAGO
Oberstdorf – Als der kleine Mann aus Kranj zum letzten Mal im Kunstschnee von Oberstdorf aufsetzte, da verneigte sich die Springerwelt. Bis auf 140 Meter war Domen Prevc auch im Finale gesegelt. Und so stellt sich schon nach zwei der acht Wettkampfsprünge die bange Frage: Wer um alles in der Welt soll den Domenator schlagen, bei dieser 74. Vierschanzentournee?
17,5 Punkte Vorsprung nimmt der Weltcup-Spitzenreiter an die zweite Station in Garmisch-Partenkirchen mit. Umgerechnet sind das bereits knapp zehn Meter. Das Gute immerhin ist: Unter den Athleten, die zumindest einen Funken Hoffnung auf die Olympiaschanze mitnehmen, sind auch zwei Deutsche. Felix Hoffmann, eigentlich nicht unbedingt ein Freund der Oberstdorfer Schanze, durfte mit Flügen auf 132,5 und 136 Meter gleich bei seinem ersten Tourneeauftritt in der ersten Garnitur des Deutschen Skiverbandes als Dritter aufs Siegerpodest klettern. Knapp hinter dem pünktlich wieder erstarkten Titelverteidiger Daniel Tschofenig aus Österreich. Dass er dabei von der Disqualifikation des Slowenen Timi Zajc profitierte, dessen Anzug um drei Millimeter (!) jenseits des Erlaubten war – geschenkt. „Es fühlt sich gut an. Das Podest war ein I-Tüpfelchen“, sagte der Schweiger aus Thüringen fast schon schwärmerisch.
Kollege Philipp Raimund hätte durchaus gleiches gelingen können. Am Ende fehlte der bisherigen deutschen Nummer eins ein Meter zum Podest. Das ist überschaubar. „Ich habe noch Luft nach oben, jetzt freue ich mich auf Garmisch-Partenkirchen“, krähte er entsprechend aufgeräumt in die Mikrofone. Bundestrainer Stefan Horngacher schloss sich an: „Die beiden haben super performt, haben dem Druck toll stand gehalten.“
Überhaupt: Wenigstens hinter Sloweniens erstem Sieger am Schattenberg, verspricht die Tournee Hochspannung. Zwischen Tschofenig auf der zwei und Raimund auf der fünf liegen zarte 3,6 Punkte. In der Skisprung-Arithmetik sind das umgerechnet zwei Meter. Mit anderen Worten: Der Rest der Welt geht praktisch gleichauf ins Neujahrsspringen.
Bei den Deutschen herrschte hinter dem Top-Duo allerdings vor allem Schmallippigkeit. Für vier der sechs Springer, die es am Schattenberg zumindest in den Wettkampf gebracht hatten, war schon nach einem Versuch Feierabend. „Das hat sich leider angebahnt“, sagte Horngacher, „damit müssen wir jetzt umgehen.“
Besonders schlimm erwischte es Teil zwei der Sorgenkind-Fraktion, Andreas Wellinger. Der Ruhpoldinger hatte sich nach einem mittelmäßigen Qualifikationsflug zumindest im leisen Aufwind gewähnt. Im Wettkampf fiel er zurück in die alten Fehler dieser ersten Saisonphase. Absprung zu schwach, zu aggressiv im Übergang in den Flug – „und dann geht eben nix“, haderte er. Am Ende reichten 110,5 Meter zu Platz 49 – einzig Teamkollege Constantin Schmid stand noch schlechter da.
Platz 33 für Pius Paschke, 45 für Luca Roth und eben die 49 und 50 für Wellinger und Constantin Schmid – der Tourneeauftakt hätte für die Deutschen gut und gerne historisch schlecht ausfallen können. Doch Hoffmann und Raimund verpassten dem deutschen Gesamtergebnis eine umso strahlendere Krone. PATRICK REICHELT