Abgang: Karl Geiger nach der Oberstdorf-Quali. © IMAGO
Oberstdorf – Am Tag danach hatte Karl Geiger sein Lächeln wieder gefunden. Wenigstens den Kollegen auf seiner Heimschanze den Rücken zu stärken, „nein, das lasse ich mir nicht nehmen.“ Für ihn war das auch ein Programm fürs Gemüt, gegen den Frust. Und der war tief genug, nach dem 106,5-Meter-Hopser in der Qualifikation von Oberstdorf, der die Tournee für ihn fast schon wieder beendet hat.
Dabei hatte er sich eigentlich zumindest auf dem richtigen Weg gefühlt, nach der dreiwöchigen Radikalkur, die ihm der Trainerstab nach dem desaströsen Saisonauftakt verordnet hatte. Nach Oberstdorf hatte sich Geiger zunächst zurückgezogen. Seinen „Sprung aufbrechen“, wie er sagt. Ein Sprungsystem, das „so nicht mehr funktioniert“, wie Bundestrainer Stefan Horngacher ausmachte.
Im fortgeschrittenen Sportleralter von 32 Jahren hat Geiger noch einmal ganz unten angefangen. Ist über Schülerschanzen gesprungen, auf Inlineskates oder Langlaufskiern talwärts geschlittert. Um das Gefühl unter den Füßen für die Geschwindigkeit wieder zu verbessern. Die kleine Schanze von Oberstdorf war nicht zufällig gewählt. „Sie ist knifflig, sie deckt mich auf“, erzählt er schmunzelnd.
Das war kein leichter Prozess. „Ich habe mich dabei erwischt, dass ich am liebsten gleich wieder losgaloppieren wollte“, sagt Geiger. Dass er irgendwann Gesellschaft vom ebenfalls kriselnden Andi Wellinger bekam, war angenehm. Aber wirklich helfen konnten sich die beiden DSV-Sorgenkinder nicht. „Dafür sind die Sprungsysteme einfach zu individuell“, wie Wellinger sagt.
Über Planica und die Olympiaschanze in Predazzo haben sich die beiden wieder an die großen Bakken herangetastet. Haben sich bei Italiens Meisterschaften auch auf Wettkampfniveau getestet. Heraus sprangen die Plätze zwei (Wellinger) und vier (Geiger). Schön für die Seele, immerhin.
Doch es ist halt ein Prozess der kleinen Schritte. Bei der Tournee bleibt nicht viel mehr als das Dabeisein. Und beim Neujahrsspringen wieder probieren. „Ich werde alles geben, ich bin überzeugt, dass der Weg der richtige ist“, sagt Geiger. Sein Lächeln war da schon wieder verschwunden. RP