Der Kniff des Domenators

von Redaktion

Domen Prevc springt seit seiner Jugend mit ungeschnürten Schuhen

Perfekte Haltung: Domen Prevc bei seinem Siegerflug Oberstdorf. © IMAGO

Oberstdorf – Zumindest von den Konsequenzen des neuen Ruhms wollte der Unschlagbare nicht allzu viel wissen. Wie schon nach der Qualifikation stahl sich Domen Prevc nach ein paar Fernsehinterviews davon. Irgendwann tauchte der 25-Jährige dann doch wieder auf. Mit schüchternem Lächeln, sagte er in die Mikrophone: „Das ist ein großer Tag für Slowenien!“ Sprach`s und verschwand gleich wieder.

Und zurück blieb eine große Frage: Wie ist sie zu erklären, diese haushohe Überlegenheit? Fünf Siege hatte Prevc schon auf dem Weg nach Oberstdorf eingesammelt. Am Schattenberg trieb er es umso bunter. Legte in Qualifikation wie beiden Wertungsdurchgängen die mit Abstand besten Flüge hin. Und schon nach dem ersten Tourneeviertel richten sich die Gedanken der Beobachter mehr auf das Wie als auf das Ob. Könnte er der vierte Athlet sein, der das Traditionsturnier mit gleich vier Tagessiegen gewinnt? Der Mann aus Kranj, in dessen Familie weit fliegen zum guten Ton gehört. Sein älterer Bruder Peter war 2015/16 der Beste der Besten, Schwester Nika ist derzeit die zweitbeste Frau.

Zumindest einen Ansatz machte die „Bild“ gestern öffentlich. Es geht um die Schuhe des Weltcup-Spitzenreiters. Anders als seine Rivalen schnürt Domen Prevc sie schon seit Jugendzeiten nicht zu. Das mag abenteuerlich klingen, ist im Reglement aber nicht verboten und wird vom Kontrollteam des Weltverbandes FIS dementsprechend auch nicht kontrolliert. Und dieses Extra an Bewegungsfreiheit macht sich der Mann, der ohnehin über außergewöhnlich flexible Sprunggelenke verfügt, in der Luft in diesen Tagen in Perfektion zunutze.

Prevc kann seine Skier nicht nur schneller in die Flugposition bringen – er kann sie auch flacher in die Luft stellen. Konsequenz: Mehr Fläche mit der er auf dem Luftpolster segeln kann. Und anders als in der Vergangenheit, hat Domen Prevc einen Weg gefunden, diese Qualitäten konstant abzurufen. Zum Vergleich: Bei Andreas Wellinger sind die Bretter in der Luft deutlich sichtbar diagonaler. Weniger Fläche, weniger Meter, sehr zum Leidwesen des erfolgsverwöhnten Ruhpoldingers.

Zumindest erste Spekulationen gehen allerdings auch in den verbotenen Bereich. Denn: mehr Bewegungsfreiheit für die Ferse würde Prevc auch erlauben, bei der Kontrolle auf die Zehenspitzen zu gehen. Heraus käme eine Körperhaltung, mit denen sich theoretisch auch die Kontrollmessungen am Anzug verfälschen lassen könnte. Die Disqualifikation von Timi Zajc, der den ersten Tourneewettbewerb punktgleich mit Daniel Tschofenig als Zweiter beendete, gab diesen Gedanken natürlich neue Nahrung.

Ob mit Trickserei oder doch ohne: Für Eurosport-Experte Martin Schmitt ist es noch lange nicht in trockenen Tüchern, dass sich Prevc wie 2016 sein Bruder Peter den goldenen Adler schnappt: „Ich war lange genug Skispringer, um sagen zu können: Du musst dir jede Schanze neu erarbeiten.“RP

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