Titelhamster: Stanway (re.) & Viggósdóttir. © FCB
Ausgezeichnet in ihrer Heimat: Stanway. © MI News/Imago
Torgefährlich: Stanway räumt nicht nur ab, sondern trifft auch gerne – hier für England. © Copsey/Imago
Sweeeeeet Caroline: Georgia Stanway (Mitte) stellte auf dem Münchner Rathausbalkon ihre Gesangskünste unter Beweis – neben Harry Kane (li.) und OB Dieter Reiter. © Hoermann/Imago
München – Für Georgia Stanway war 2025 ein herausragendes Jahr. Mit dem FC Bayern gewann die 26-Jährige das Double, mit England verteidigte sie den Titel bei der EM. Im Interview spricht sie über ihre Rolle im Mittelfeld, ihr Hobby Tätowieren und ein Duett mit Harry Kane.
Georgia Stanway, Sie haben mit dem FC Bayern die dritte Meisterschaft in Folge und zum ersten Mal den DFB-Pokal gewonnen. Dazu mit England den EM-Titel verteidigt. War es das erfolgreichste Jahr Ihrer bisherigen Karriere?
Es war ein sehr erfolgreiches Jahr. Aber nicht nur, was Titel angeht. Ich habe Dinge überwunden, die ich so vorher noch nicht erlebt hatte. Im Januar habe ich mir einen Außenbandriss im Knie zugezogen. Ich war vorher nie verletzt, das war etwas völlig Neues für mich. Dann genau rechtzeitig zur EM zurückzukommen, war perfektes Timing. Alles das zusammen hat es zu einem sehr besonderen Jahr gemacht.
Ein sehr besonderer Moment war es auch, als Sie im Mai während der Meisterfeier auf dem Rathausbalkon mit Harry Kane „Sweet Caroline“ gesungen haben.
Ja, das war sehr cool! Dieses Lied hat in England eine besondere Tradition, die begann, als wir die EM 2022 gewonnen haben. Ich bin direkt nach dem Endspiel nach München gewechselt, und wir hatten den Titel ja ausgerechnet gegen Deutschland geholt. Dann habe ich zum Einstand „Sweet Caroline“ gesungen, das war vielleicht etwas gewagt, aber auch lustig – und unser Icebreaker (lacht). Das Team ist cool. Nach unserer ersten Meisterschaft wurde ich dann ausdrücklich gebeten, „Sweet Caroline“ auf dem Balkon zu singen. Das Lied jetzt einmal gemeinsam mit Harry Kane zu singen, war ein besonderer Moment. An so etwas erinnert man sich für immer.
Trainer José Barcala hat Sie als Top-Spielerin beschrieben, als eine Anführerin auf und neben dem Platz. Wie sehen Sie selbst Ihre Rolle im Team?
Ich genieße meine Rolle hier sehr. Ich mag es, viel den Ball zu haben und lange Pässe in die Spitze zu spielen. In die Führungsrolle bin ich reingewachsen. Als ich in München angekommen bin, war ich 23 Jahre alt und durfte in jungen Jahren schon viel Erfahrung sammeln. Auf dem Platz bin ich sehr lösungsorientiert und glaube, dass ich Situationen gut erfassen kann. Und wenn mir etwas auffällt, zögere ich auch nicht, es allen zu sagen. Ich will vorangehen, indem ich konstante Leistungen zeige.
Lena Oberdorf und Sarah Zadrazil werden die ganze Saison aufgrund von Kreuzbandrissen verpassen. Lastet deshalb noch mehr Druck auf Ihnen?
Nein, es ist definitiv kein Druck. Ich denke, es ist eher so, dass Sarah und Lena etwas defensivere Spielerinnen sind, als ich es eigentlich bin. Jetzt muss ich diese Rolle mehr übernehmen und habe deshalb etwas weniger Gelegenheit, mich in die Offensive einzuschalten. Gleichzeitig konnte ich neue Verbindungen mit anderen Spielerinnen aufbauen, vor allem mit Momo (Momoko Tanikawa, Anm. d. Red.). Es gab einige Momente, in denen wir uns gegenseitig Tore aufgelegt haben. Das ist schon etwas sehr Besonderes.
Als Sie vor drei Jahren in München angekommen sind, haben Sie in fast jedem Spiel eine Gelbe Karte gesehen. Nun sind Sie in der ganzen Hinrunde nur einmal verwarnt worden. Wie kommt‘s?
Ich denke, dass ich nach wie vor eine aggressive Spielerin bin, die harte Zweikämpfe mag. Aber ich bin klüger in meiner Entscheidungsfindung geworden – im Sinne davon, wann ein hartes Tackling oder aggressives Auftreten sinnvoll ist. Es gibt Momente, in denen eine solche Grätsche eine Initialzündung sein kann. Aber ich habe mittlerweile ein besseres Timing für solche Aktionen.
Sie sind in Ihrem Heimatland England Europameisterin geworden. Nun findet die EM 2029 in Ihrer Wahlheimat Deutschland statt. Freut Sie das?
Definitiv. Ich habe gesehen, welche Auswirkungen die Olympischen Spiele 2012 in London auf die ganze Nation hatten. Menschen durch alle Altersgruppen hinweg wurden dadurch inspiriert, was wir in diesem Sommer geschafft haben. Auch nach der Frauen-EM in England sind die Zuschauerzahlen enorm angestiegen. Ein Turnier im eigenen Land ist etwas ganz Besonderes. Ich wünsche jeder Spielerin, so etwas zu erleben.
Sie haben vor Kurzem an einem Bankett in Windsor Castle mit König Charles III. und dem deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier teilgenommen. Wie kam es dazu?
Ich habe eine Einladung bekommen, wovon ich völlig überrascht war. Es waren viele Menschen wie ich eingeladen, die eine Verbindung zu England und zu Deutschland haben. Der Abend war dann auch wirklich unglaublich. Sowohl König Charles als auch Frank-Walter Steinmeier waren sehr interessiert daran, über Fußball und speziell auch Frauenfußball zu sprechen. Die Leidenschaft und die Begeisterung für den Fußball ist etwas, was Deutschland und England verbindet.
Neben Ihrem Beruf als Fußballerin haben Sie vor einiger Zeit mit dem Tätowieren begonnen. Als Trainer Alexander Straus den FC Bayern im Frühjahr verlassen hat, hat er ein Tattoo von Ihnen bekommen…
Er hat sich zwei Boxer stechen lassen. Mit großen Handschuhen und Shorts. In einem Retro-Design.
Haben Sie viele Ihrer Mitspielerinnen tätowiert?
Ja, ein paar. Ich bekomme immer mehr Anfragen, was super schön ist. Wie bei Alex habe ich einigen Spielerinnen, die den FC Bayern verlassen haben, ein Tattoo als Erinnerung an die gemeinsame Zeit gestochen. Ich liebe es zu tätowieren, es ist ein guter Ausgleich zum Fußball. Wenn ich tätowiere, denke ich an nichts anderes mehr.
Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages als Tätowiererin zu arbeiten?
Grundsätzlich schon. Ich denke, ich muss einfach meinen Weg finden. Im Moment liebe ich es, Fußball zu spielen. Gleichzeitig finde ich es wirklich schön, nebenher eine Art Ausgleich zu haben. Ich liebe es, neue Hobbys auszuprobieren wie Surfen oder Tätowieren. Ich halte auch Vorträge, was mir sehr viel Spaß macht. Vielleicht kann ich das in Zukunft mit dem Tätowieren kombinieren.
Zurück zum Fußball. Nach drei Titeln im Jahr 2025, was sind Ihre Ziele für 2026?
Ich würde gerne in der Champions League einen Schritt weiter kommen als zuletzt. Ich will das Halbfinale oder Finale erreichen. Das haben wir mit dem FC Bayern noch nicht geschafft, seit ich hier bin.
Ihr Vertrag läuft im Sommer 2026 aus. Stehen Gespräche über eine Verlängerung an?
Ja, wir sprechen gerade sehr offen miteinander. Es geht viel darum, welche Weichen hier gerade für die Zukunft gestellt werden oder wie wir spielen wollen. Es gibt viel zu besprechen und zu bedenken. Aber ich liebe den FC Bayern, seit ich vor drei Jahren hierhergekommen bin und weiß, was ich an dem Verein habe.
INTERVIEW: CHRISTIAN STÜWE