Bereit: Selina Freitag und Katharina Schmid.
Er war‘s! Das deutsche Skisprung-Team bejubelt in Oberstdorf Platz drei durch Felix Hoffmann (M.) und Rang fünf von Philipp Raimund – dahinter herrschte Tristesse. © Berchtold/Imago, Hildenbrand/dpa
Oberstdorf – Eine letzte Überraschung hatte der Abend für Felix Hoffmann und Philipp Raimund dann doch noch parat. Das Personal des Teamhotels Sonnenbichls hatte am Eingang Aufstellung genommen und empfing die strahlenden Skisprung-Helden mit Kuhglocken. Dahinter wartete das japanische Team und klatschte begeistert Beifall. „Das war unheimlich nett“, strahlte Hoffmann.
Sprach‘s und setzte sich nach einer kurzen Krafteinheit ins Auto in Richtung Garmisch-Partenkirchen, wo die Tournee schon an diesem Mittwoch (16 Uhr/ARD) mit der Qualifikation für das Neujahrsspringen weitergeht. Und geht es nach Bundestrainer Stefan Horngacher, dann könnte es dort noch besser kommen. Oberstdorf nämlich, so verriet der 56-Jährige, gilt für Hoffmann wie Raimund eher als Wackelanlage, die Olympiaschanze dagegen als Spezialgebiet: „Dort springen beide richtig gut.“ Das klingt verheißungsvoll, gerade wenn man bedenkt, dass das deutsche Team in den vergangenen Jahren in Partenkirchen meist eher Boden verloren hat.
Doch auch das liegt im Trend dieser ersten Saisonphase, in der sich die Gewichte im Innenleben des deutschen Teams massiv verschoben haben. Hoffmann und Raimund fliegen so munter im Kreis der Allerbesten mit, dass sogar der stoische Horngacher ins Schwärmen kommt: „Das macht uns schon stolz.“ Der Rest des Teams dagegen ist völlig aus dem Tritt.
Nur zwei Mann im Finale eines Tourneespringens, das gab es letztmals 2009 – ebenfalls in Oberstdorf – als dem DSV die Plätze 12 für Pascal Bodmer und 23 für Martin Schmitt blieben. Regionen, über die unter den geschlagenen Deutschen bestenfalls Pius Paschke nachdenken kann, der in Oberstdorf als 33. zumindest auf Tuchfühlung zu den Punkterängen war.
Andreas Wellinger (48.) und Karl Geiger (53.) dagegen sind weiter mittendrin in der Reform ihres neuerdings so durchwachsenen Sprungstils. Seit der Weltverband in Konsequenz des Skandals der WM in Trondheim die Anzüge verknappte, kommt es nicht nur auf einen feineren Übergang vom Schanzentisch in die Flugphase an. Das durch den fehlenden Stoff verloren gegangene Luftpolster muss zudem durch Körper- und Skihaltung kompensiert werden. Ein Prozess der kleinen Schritte, wie auch Wellinger in Oberstdorf erklärte: „Das braucht viel Geduld.“
Tendenz: Die weiteren Tourneespringen wie auch die folgenden Weltcups im Januar sind für die deutschen Sorgenkinder eher Trainingsprogramm auf Wettkampfniveau. Horngacher hofft, beide bis zu den olympischen Wettkämpfen in Schuss zu bringen, auch wenn in Predazzo erstmals kein klassischer Teamwettbewerb mehr auf dem Programm steht.
Felix Hoffmann und Philipp Raimund haben dieses Problem natürlich nicht. Die beiden haben sich durch den starken zweiten Durchgang in Oberstdorf auf eine Welle der Begeisterung gelegt, von der sich die beiden Hoffnungsträger am liebsten bis nach Bischofshofen tragen lassen wollen. Raimund jedenfalls blies nach Platz fünf am Schattenberg schon einmal zum Angriff. „Es gibt immer noch Luft nach oben, aber es kommen ja noch sechs Sprünge“, sagte der quirlige Schwabe, „ich freue mich drauf.“ Und Kuhglocken hat man gewiss auch in Partenkirchen parat. PATRICK REICHELT