Gut gemacht: Hoffmann war als Sechster glücklich. © IMAGO
Der Albtraum der Schwerkraft: Domen Prevc bwegte sich auch in Garmisch-Partenkirchen in einer eigenen Liga. © IMAGO
Garmisch-Partenkirchen – Die slowenische Fangemeinde hatte die Stimmung an der Olympiaschanze in ganz treffende Worte gefasst. „Der schlimmste Albtraum der Schwerkraft: Domen Prevc“, hatte eine Anhängerin auf ein Plakat gepinselt. Und das sagte schon ziemlich viel über die Mischung aus Staunen und Bewunderung, die das Springerlager auch beim Neujahrssspringen erfasst hatte. Denn wirklich zu erklären vermochte es niemand, wie der kleine Slowene den weltbesten Skispringern derart weit davonfliegen kann. Bester in der Qualifikation, die Nummer eins in beiden Wettkampfflügen – strahlender kann ein Sieger kaum sein.
Und während Prevc die geschnitzte Holzfigur für den Sieger des Neujahrsspringen selig musterte, wollte Deutschlands Bundestrainer Stefan Horngacher nur noch mit den Schultern zucken. „Irgendwann gewöhnst du dich dran, dass er immer noch einen draufsetzt“, sagte er. Zur dritten Station in Innsbruck nimmt Prevc nun schon 35 Punkte Vorsprung, umgerechnet knapp 19,5 Meter, auf seinen schärfsten Verfolger mit. Auf Jan Hörl, der dem Domenator vor 22 000 staunenden Zuschauern in der ausverkauften Partenkirchener Anlage gemeinsam mit seinem jungen Landsmann Stephan Embacher am nächsten kam.
Doch auch die Deutschen beschlossen die erste Tourneehalbzeit keineswegs unzufrieden. Felix Hoffmann wurde mit Flügen auf 134 und 136 Meter Sechster, Philipp Raimund (134/135 Meter) knapp dahinter Siebter. Das war vielleicht nicht unbedingt der erhoffte Knalleffekt, aber „es war auf einem guten Niveau“, fand Raimund, „jetzt heißt es weiterarbeiten und den Abstand wieder verringern.“ Und man hat ja noch Ziele, auch bei dieser 74. Tournee. Das Tourneepodest ist für die beiden deutschen Topflieger bei knapp drei (Hoffmann/4.) und gut sechs Metern (Raimund/6.) Rückstand allemal noch in Reichweite. Horngacher jedenfalls fand: „Wir sind noch dabei, wir können zufrieden sein.“
Und damit meinte er durchaus auch seine Sorgenkinder. Pius Paschke (126/128,5 Meter) holte als 21. immerhin mal wieder Punkte. Für Andi Wellinger (124,5 Meter) und Karl Geiger (122,5) reichte es dazu mit den Plätzen 32 und 33 nicht ganz. Doch beide sahen das Neujahrsspringen als einen Schritt in die richtige Richtung. „Darauf kann man definitiv aufbauen“, fand Wellinger, „wenn ich darf, werde ich mich der Herausforderung stellen.“
Darf er und darf auch Geiger. Horngacher jedenfalls belässt alle beide trotz des erneut verpassten Finales an Bord für die zweite Tourneehalbzeit. Was sicherlich auch mit dem Umstand zu tun hat, dass sich kein Athlet aus der nationalen Gruppe wirklich fürs Dabeibleiben aufgedrängt hat. Am nächsten dran war noch der Pfullinger Ben Bayer, der beim Neujahrsspringen 43. wurde. „Er wird wieder eine Chance bekommen“, sagte Horngacher, „vielleicht in Sapporo“.
Domen Prevc werden solche Gedanken egal sein. Der 25-jährige lässt sich auch nach der zweiten Flieger-Demonstration von den lauter werdenden Fragen nach dem möglichen Tournee-Grand-Slam nicht weiter in Unruhe versetzen. „Es sieht keiner, dass ich auch um sieben Uhr aufgestanden bin und mir das erarbeitet habe“, sagte er, „Ich muss mich auf die Dinge konzentrieren, die mich großartig machen.“ Na dann. PATRICK REICHELT