Zweimal überführt: Timi Zajc. © Memmler/Imago
Hilfsmittel: Dieses Gerät dient der Schrittmessung.
Der Star: Bei den Flügen von Prevc wird über das Schuhwerk spekuliert. © IMAGO/ SIMON
Millimeterarbeit Für Hafele gibt es bei den Kontrollmessungen nicht die geringste Toleranz.
Garmisch-Partenkirchen – Er ist seit dieser Saison hauptamtlicher Materialkontrolleur des Weltverbandes FIS. Und Mathias Hafele sorgte bei der Tournee mit spektakulären Disqualifikationen für Aufsehen. Mit unserer Zeitung sprach der 42-Jährige vor dem dritten Springen am Samstag in Innsbruck (14.30 Uhr) am legendären Bergisel über seinen Job.
Herr Hafele, beim Neujahrsspringen wurden vier Athleten disqualifiziert. Ist das ein gutes Zeichen?
Zumindest ist es ein wichtiges Signal. Die FIS muss dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden. Wenn man etwa nur Verwarnungen verteilt, dann beginnt wieder nur ein Spiel. Das braucht keiner.
Zum Teil wurden Anzüge erst nach dem Wettkampf beanstandet. Karl Geiger sagte, dass der Stoff sich verändern kann. Ist es realistisch, dass Anzüge vor einem Wettkampf andere Maße hat als danach?
Es passiert schon was mit den Anzügen. Aber es ist Aufgabe des Athleten, dafür zu sorgen, dass das Material regelkonform ist. Da sind schon Stellen, die viel gedehnt werden, zum Beispiel im Schritt. Das muss ich halt selbst öfter kontrollieren. Dabei ist es ein Unterschied, ob ich voll am Limit arbeite, jeden Millimeter ausreize oder ob ich sage: Ich will meine Ruhe haben, ich bleibe einen Zentimeter unter der Norm. Und man muss auch sagen: Ich lasse es nicht zu, dass sich jemand extrem hinstellt. Die Arme abwinkelt oder so etwas. Da hast du schnell mal einen Zentimeter Unterschied.
Aber ist Arbeit am Limit bei den Springern nicht die Regel?
Das ist total unterschiedlich. Es gibt Leute, die sind einen Zentimeter unter der Norm und springen trotzdem vorne mit. Wobei man eines verstehen muss…
Bitte?
Da ist in den vergangenen Tagen einiges falsch verstanden worden. Die Beinlängen, die wir beanstanden, sind immer zu kurz. Bei Umfängen ist mehr Stoff ein Vorteil, bei den Beinlängen ist es ein Vorteil, wenn sie zu kurz sind. Warum? Wenn die Beine kürzer sind, dann ist der Schritt tiefer und das ist ein Vorteil. Beim Neujahrsspringen war das zum Beispiel so bei Timi Zajc oder Jason Colby.
Sind die Unterschiede für Sie mit bloßem Auge sichtbar?
Bei Beinlängen geht das nur über Messungen. Aber ich habe schon tausende Kontrollen gemacht, ich sehe schon, wenn einer zur Tür hereinkommt, dass da etwas nicht stimmen könnte. Da schaue ich natürlich genau hin. Wobei das Prozedere immer gleich ist. Erst kommt die Schrittkontrolle, dann taste ich ab. Auf die Weise kann ich sehr schnell ausmachen, wo etwas nicht passen könnte.
Ist der Ablauf immer der Gleiche?
Grundsätzlich schon, aber der Athlet sollte nie wissen, wann er kontrolliert wird und was kontrolliert wird. Beim Neujahrsspringen habe ich sie zum Beispiel damit überrascht, dass ich oben an der Schanze kontrolliert habe.
Sie waren selbst Springer. Hätten Sie sich selbst überführt?
(lacht) Gute Frage, das waren natürlich ganz andere Zeiten. Aber ich sage mal so. Ich bin auch schon disqualifiziert worden. Aber grundsätzlich ist es von Vorteil, wenn du Springer warst. Weil du weißt, warum sie etwas machen. Und wenn ich sehe, sie probieren etwas schon wieder, dann muss ich meine Taktik ändern.
Eine andere Geschichte, die die Runde machte, ist der Schuh von Domen Prevc, der offen sein soll…
Ich habe mir das angeschaut. Offen lässt er ihn nicht, er bindet ihn eher locker. Der Schuh ist ein sehr individuelles Thema. Machst du ihn zu fest zu, dann schläft dir der Fuß ein, ist er zu locker, dann wird alles sehr labil. Halten sie mal bei 120 km/h die Hand aus dem Fenster – das ist in etwa die Landegeschwindigkeit. Es ist hart genug, die Hand gerade zu halten. Und jetzt stellen sie sich vor, an der Hand hängt ein Sprungski, der 2,50 Meter lang und 11,5 Zentimeter breit ist. Da brauchst du schon die Stabilität und Muskulatur dafür. Wenn Domen den Schuh wirklich so locker hat, dann Hut ab, dass er das schafft.
Spekuliert wurde auch, dass er bei der Kontrolle dank der lockeren Schnürung auf die Zehenspitzen steigen kann. Ist das realistisch möglich?
Naja, wenn er den Sprung so handeln kann, dann ist auch das theoretisch schon möglich.
Woher kommt eigentlich ihr Wissen? Nur aus der langjährigen Springererfahrung?
Natürlich brauchst du technisches Know-how. Und das kannst du dir auf ganz unterschiedliche Weise zulegen. Ich habe zum Beispiel: Meine Springeranzüge zum Schluss selber genäht. Ich nähe seit 20, 25 Jahren Anzüge selbst. Aber überhaupt habe ich mich immer viel mit Material befasst. Ich war auch einige Jahre Technical Coach, unter anderem in Polen.
In Ihrer heutigen Aufgabe werden Sie nicht gerade zum Sympathieträger. Müssen sie nach den Disqualifikationen etwa von Timi Zajc den nächsten Slowenien-Urlaub fürchten?
(lacht) Ich hoffe nicht. Ok, ich weiß jetzt nicht, wie es bei den Fans draußen ankommt. Aber bei den Slowenen wird sich das auch bald geben. Ich sehe das nicht als Manipulation. Eher arbeiten am Limit.
INTERVIEW: PATRICK REICHELT