Oberkörper, Unterkörper

von Redaktion

In der DEL wird um Verletzungen ein Geheimnis gemacht – EHC-Penalty-Sieg in Wolfsburg

Man kennt sich, tauscht sich aus: Markus Eisenschmid (r.) und der Augsburger Jason Bast. © IMAGO/Heike Feiner

München – Über einen Monat war Markus Eisenschmid ausgefallen, da war es schon bemerkenswert, wie gut er sich beim EHC Red Bull München wieder einfügte und mit einem Tor und einer Vorarbeit beim 3:2 nach Verlängerung gegen Augsburg zum heimlichen Matchwinner wurde. Vor allem sein Treffer: Ovechkin-like.

Der russische NHL-Rekordtorjäger Alexander Ovechkin hat seinen Spezialschuss, eine Direktabnahme (One-Timer, so der Fachbegriff). als Rechtsschütze führt er den Abschluss im linken Bullykreis aus, den man daher „Ovi‘s Office“ nennt. In München könnte dieser Flecken des Spielfeldes als „Eisis Büro“ firmieren. Markus Eisenschmid trifft natürlich bei Weitem nicht so oft wie der Superstar aus der anderen Welt, aber er zählt zu den besten Direktabnehmern in der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Es ist natürlich eine spaßige Übertreibung, „Eisi“ mit „Ovi“ zu vergleichen, Trainer Oliver David steigt aber gerne ein: „Eisenschmid sieht zumindest besser aus als Ovechkin.“

Beim One-Timer verschmelzen Annehmen und Abfeuern zu einem Vorgang, das muss man üben, Markus Eisenschmid sagte mal, er tue das einige Hundert Male pro Woche. Wie aber war das in den vergangenen fünf Wochen, als er nicht spielen konnte? „Ich war nicht superoft auf dem Eis“, sagt der 30-Jährige, „ich musste das Ganze auskurieren. Aber es steckt jahrelange Arbeit in diesem Schuss, man verlernt es nicht von heute auf morgen.“

„Das Ganze auskurieren“ – Eisenschmid bleibt vage, und damit hält er sich an die Vorgaben von oben. Vor einigen Jahren sind die Clubs der DEL, viele trainiert von Nordamerikanern, dazu übergegangen, Gründe für das verletzungsbedingte Fehlen von Spielern nicht mehr klar zu benennen. Upper body, lower body, das ist die einzige Unterscheidung. Eisenschmid fehlte wegen einer „Unterkörperverletzung“ – was klingen mag wie die Folge eines Schusses auf die Zwölf, aber genauso gut ein Zehen- oder Mittelfußbruch sein könnte. Die häufig vorkommende Gehirnerschütterung gilt als „Oberkörperverletzung“.

Hintergrund der Regelung: Die Gegner sollen nicht Bescheid wissen über mögliche Schwachstellen bei der Rückkehr von Spielern. Vielleicht wird einem eher auf den Handschuh geklopft, wenn man weiß, dass darin ein kürzlich gebrochener Finger steckt.

Die gänzliche Geheimhaltung funktioniert aber nicht immer. Dass eine Gehirnerschütterung vorliegt, ist daran zu erkennen, dass ein Club nie eine genauere Ausfallzeit angibt – weil sie schwer abzusehen ist. Als Don Jackson noch den EHC München trainierte, ist ihm auch mal rausgerutscht, dass man gerade einige „Concussion guys“ habe. Und wenn ein Profi, der gerade nicht aufs Eis darf, im Vakuumstiefel durch die Halle stapft, kann man daraus auch seine Schlüsse ziehen. „Man kennt Spieler von anderen Vereinen, da wird immer ein bisschen geredet“, erklärt Markus Eisenschmid. Für ihn wäre es „kein Rieseneinschnitt, wenn die anderen Mannschaften wissen, was man hat“. Aber: „Ich werde es von mir aus nicht sagen, wenn der Verein die Linie einschlägt, es nicht zu tun.“

Klar ist: Die Münchner müssen stark dezimiert, ohne sieben Stammkräfte, in eine weitere Phase mit intensiver Belastung gehen. Beginnend mit der Partie am Freitagabend in Wolfsburg (3:2-Penaltysieg nach 0:2-Rückstand, Tore: Oswald 2, Ehliz) sind es noch einmal fünf Spiele in neun Tagen, wobei das Programm auch inhaltlich (am Sonntag gegen Mannheim, am Dienstag gegen Berlin und kommenden Freitag in Straubing) anspruchsvoll ist.

Dem EHC ist bewusst, „dass wir gerade nicht ganz gesund sind“ (Oliver David), doch Eisenschmid glaubt, auch für die Kollegen zu sprechen: „Man muss sich auch darauf freuen. Gegen die Topteams, das sind die Spiele, die man am liebsten mag, Wenn man weit kommen will, muss man die Besten schlagen – warum nicht schon jetzt in der Saison und Zeichen setzen?“GÜNTER KLEIN

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