Liebt den Fußball leidenschaftlich: Dieter Hecking. © IMAGO
Mit ihm sollte der Wiederaufstieg gelingen – doch Mitte September wurde Dieter Hecking, 61, beim Zweitligisten VfL Bochum nach einem missglückten Saisonstart entlassen.
Herr Hecking, haben Sie die Entlassung in Bochum mittlerweile verdaut?
Die ersten sechs bis acht Wochen hängst du durch. Du wirst von 100 auf 0 ausgebremst. Ich habe viel reflektiert, doch so richtig habe ich bis heute nicht verstanden, was letztendlich ausschlaggebend war. Wir hatten Probleme mit Verletzungen, wussten aber, dass diese Mannschaft in der Lage ist, erfolgreich Fußball zu spielen, wenn sich alles stabilisiert.
Von den ersten fünf Spielen haben Sie vier verloren. In den Monaten zuvor hatten Sie jedoch gezeigt, dass Sie das Bochumer Publikum mitnehmen können. Fühlt es sich da nicht unfair an, wenn man nur fünf Spiele zugestanden bekommt?
Fair, unfair – das passt an der Stelle nicht. Letztendlich weißt du als Trainer, dass es nur darum geht, erfolgreich zu arbeiten. Es ist egal, ob du sympathisch rüberkommst oder ob das Umfeld dich mag. Ich hätte allerdings gedacht, dass man mehr auf Kontinuität setzt. Ich empfand die Entlassung vor allem als unnötig. Wir hatten einen großen personellen Umbruch im Sommer, haben viele junge Spieler integriert, die mittlerweile Leistungsträger sind. Vier der fünf Gegner vor meiner Entlassung stehen jetzt ganz oben in der Tabelle. Was mich ärgert: Nach dem letzten Spiel gegen Paderborn wollte man eine Analyse von mir haben. Die habe ich ihnen gegeben und es hieß: „Top Analyse, so wünscht man sich das.“ Es kamen aber kaum Nachfragen. Das gehört aber dazu, wenn man so einen Schnitt macht.
Wann merkt man intern: Jetzt geht es um meinen Job?
Es wird dann kritisch, wenn ein, zwei, dann vielleicht sogar das dritte Spiel in Folge nicht gewonnen werden. Dann entsteht so ein Murren. Dann wird gefragt, ob die Niederlagenserie die Ziele des Vereins in Gefahr bringt. Diese Unruhe kann dich ergreifen. Du versuchst zwar gegenzusteuern. Doch wenn auch das vierte Spiel nicht gewonnen wird, multipliziert sich das Ganze. Die Medien und Social Media tun ihr Übriges dazu. Mittlerweile äußerst sich ja jeder über einen. So richtig spürt man es, wenn sich die Leute von dir zurückziehen, wenn man nicht mehr spricht. Auch aus Gesprächen mit Kollegen weiß ich aber, wie sehr man sich eine offene Kommunikation seitens der Entscheider wünscht.
Gehen wir noch mal in den September zurück, zum Tag der Entlassung in Bochum. Wie läuft so etwas ab?
Das ist nie schön. Freitag haben wir verloren. Samstag bekam ich einen Anruf, ich solle am Sonntag eine Analyse vorlegen. Das habe ich gemacht. Es hieß dann, wir melden uns. Am Montag bin ich nach Bochum gefahren, weil am Nachmittag Training angesetzt war. Ich nahm an, dass ich das nächste Spiel noch bekomme, um alles in die richtige Richtung lenken zu können. Schließlich habe ich am Telefon erfahren, dass es zu Ende ist – allerdings nicht vom direkt dafür Verantwortlichen. Der hat erst eine Dreiviertelstunde später angerufen. Das war respektlos. Die Art und Weise hat mich – neben der Entlassung als solcher – besonders geärgert.
Worauf fällt man nach solch einer Erfahrung zurück? Kann das viele Geld, das Trainer verdienen, den Abschiedsschmerz lindern?
Finanziell fallen wir weich, das ist so. Doch die Frage ist, was macht das mit dem Menschen? Jeder gibt 100 Prozent für den Verein. Dann geht von jetzt auf gleich ein Abschnitt kaputt. Das macht was mit einem. Mir war klar: sofort Wohnung auflösen, Büro auflösen, nicht eine Minute länger. Da bin ich vielleicht manchmal auch zu konsequent. Aber dann schließe ich auch sofort ab damit. Für den Moment zumindest.
Ist das konsequent oder zornig?
Beides. Man ist brutal enttäuscht, weil man das, was da passiert ist, nicht will, auch wenn man vielleicht vorher schon gefühlt hat, dass es passieren kann. Ich brauche den Abschluss, kein Rumeiern und noch mal in den Arm nehmen. Da kriegst du eh keine ehrlichen Antworten.
Wer fängt einen auf?
Vor allem die Familie und die engsten Freunde sind dann für mich da. Wenn ich entlassen wurde, bin ich erst mal in ein Loch gefallen und habe dann die Frage gestellt: Und jetzt? Ich war immer enttäuscht. Das hängt auch damit zusammen, wie ich meinen Beruf sehe. Da gibt es keine 80 Prozent. Du brauchst immer die 100. Das heißt für mich, morgens um 7.30 Uhr als Erster im Büro zu sein und um 19 Uhr als Letzter zu gehen. Nur so kann ich vorbereiten, dass alles läuft. Diese tägliche Struktur wird dir genommen – auch wenn du plötzlich zu Hause und bei der Familie bist.
Man kann endlich das machen, wozu man sonst nicht gekommen ist.
Ja, das könnte man. Ich habe mir neben dem Fußball allerdings nicht so viele Themen aufgebaut. Ich liebe meinen Beruf eben leidenschaftlich. Da passt nichts daneben.
INTERVIEW: KRISTINA DUNZ UND SEBASTIAN HARFST