Wintersportler zählen die Tage bis zu den Olympischen Spielen längst rückwärts. Für Feinschliff und Selbstvertrauen haben die Bobfahrer etwa noch genau zwei Rennwochenenden: das kommende in St. Moritz, das danach beim Weltcupfinale in Altenberg. Es geht ab jetzt um jedes Detail, und als Top-Pilot gehört schon etwas dazu, einen dieser Wettkämpfe auszulassen. Der Schweizer Michael Vogt tut es trotzdem. Er boykottiert die Generalprobe, um ein Zeichen zu setzen.
Adressaten sind Bahnbetreiber in Altenberg, also jener Bahn, auf der Vogts Anschieber Sandro Michel vor knapp zwei Jahren bei einem schweren Sturz fast ums Leben gekommen wäre – aber eben auch jene Bahn, auf der der Rest der Weltelite seitdem zum zweiten Mal wieder um Bestzeiten fährt. Vogt hätte sich nach den tragischen wie folgenschweren Momenten im Jahr 2024, in denen sein aus dem Bob geschleuderter Bremser vom zurückrutschenden Gefährt überrollt worden war, Akut-Maßnahmen im Sinne der Sicherheit gewünscht – und klagt an: Es passiert nichts. Doch ganz richtig liegt er damit nicht. Denn der Bob-Zirkus gibt in puncto Sicherheit Gas, und zwar richtig. Zeit wird‘s!
Die Experten orientieren sich dabei nicht am Einzelfall oder an expliziten Bahnen, sondern nehmen das große Ganze ins Visier. Zugpferd ist der deutsche Verband, der in Zusammenarbeit mit Partner Allianz Fachwissen bündelt und auf schnelle Umsetzung pocht. Der Allianz Safety Sled spiegelt Streckenprofile in Echtzeit an die Piloten, der Kopf des Piloten soll bald durch einen Sicherheitsbügel gesichert werden, ein Anschnallsystem für Anschieber ist in fortgeschrittener Planung. Aus dem Verband ist zudem zu hören, dass eine Einführung der neuen Maßnahmen bereits zur kommenden Saison von allen Seiten forciert werden soll.
Dass diese Entwicklung in Rekordzeit passiert, ist bemerkenswert wie traurig zugleich. Wie einst vor dem Start des HALO-Systems in der Formel 1 musste eine Tragödie passieren, ehe Aktionismus folgte. Das Team Vogt hätte auf das Drama von 2024 gerne verzichtet. Die äußeren Wunden sind zwar verheilt, die inneren aber noch lange nicht.