Es brodelt in Münchens Leichtathletik

von Redaktion

Läuft Neuling Munich Athletics dem Platzhirschen LG Stadtwerke den Rang ab?

Hochspringer Tobias Potye fliegt schon länger nicht mehr für die LG Stadtwerke durch die Luft. © Kohring/Imago

Zwei ganze Trainingsgruppen sind zu Munich Athletics gewechselt, darunter auch Talent Daryl Ndasi. © Schmitt/Imago

München – „Münchens Leichtathletik im Umbruch“ – so lautete der Titel einer Pressemitteilung der LG Stadtwerke München im Dezember. Was zunächst harmlos klang, stellt sich schnell als Klageschrift mit konkreten Vorwürfen heraus. „Sorge bereitet uns jedoch ein Trend, bei dem neue Projekte fast ausschließlich fertige Spitzenathleten rekrutieren, ohne selbst in Nachwuchsarbeit zu investieren“, sagte Präsident Jacob Minah: „Das schafft kurzfristig Schlagzeilen – aber keine Zukunft.“

Im Zentrum der Kritik steht das Franchise-System „Germany Athletics“ – mit Ablegern in zwölf deutschen Städten –, 2021 von Claus Dethloff gegründet. Der ehemalige Hammerwerfer will die deutsche Leichtathletik revolutionieren. Unter anderem gibt es höhere, bedarfsorientierte Fördermittel, auch eine nationale Liga ist geplant. Schon länger haben sich die ehemaligen Stadtwerke-Leistungsträger Tobias Potye und Yannick Wolf dem neuen Projekt angeschlossen. Nun sind im Hochsprung und Sprint zwei ganze Trainingsgruppen von der LG SWM zu Munich Athletics (zählt mittlerweile 30 Wettkampfathleten) gewechselt.

Laufen dem Platzhirschen bald alle Talente weg? Minah beobachtet die Entwicklung genau, bleibt aber (noch) gelassen. „Es handelt sich nicht um einen Abgang der sportlichen Substanz des Vereins insgesamt. Die LG Stadtwerke München ist bewusst nicht auf einzelne Leistungsträger ausgerichtet, sondern auf ein breit getragenes, nachhaltiges Leistungssystem.“ Genau an diesem System zweifelt Dethloff jedoch. „Es gelingt der LG nicht, die Athleten aus dem Nachwuchsbereich so zu entwickeln, dass sie im Leistungssport ankommen.“ Als Ausnahme nennt er Christina Hering, andere Sportler wie Potye oder Max Entholzner seien in der Vergangenheit bereits als gestandene Athleten nach München gewechselt. „Also 18 Jahre sehr gut finanzierte Nachwuchsförderung, aber in der Spitze null Output.“

Dethloff betont zudem, dass es keine Abwerbungen gab, sondern die Anfragen immer von den Athleten oder Trainern selbst kamen. Es habe sich eben herumgesprochen, dass es eine weitere Option in München mit einem attraktiven Konzept gibt. „Wenn alles heile Welt wäre, würden sich nicht sofort so viele Athleten der Alternative zuwenden.“

Ob eine zumindest punktuelle Zusammenarbeit nicht sinnvoller wäre? Minah berichtet, dass es seit mehreren Jahren einen fachlichen Austausch gibt, man sich jedoch bewusst für einen eigenständigen Weg entschieden habe. „Da unser Vereinsmodell auf langfristiger Entwicklung, verlässlichen Strukturen und breiter Nachwuchsarbeit basiert.“

Dethloff führt aus, dass eine gemeinsam erarbeitete Kooperationsvereinbarung seitens der LG nie unterschrieben wurde. „Wir müssen jetzt nicht zum x-ten Mal die Hand ausstrecken. Die LG wird nun sehen, ob ihr Alleingang der richtige Weg ist“, sagt der 57-Jährige: „Es darf jedoch auch nicht sein, dass Athleten vom BLV oder der LG so sehr unter Druck gesetzt werden, dass sie Angst haben, zu wechseln.“ Rumms, es knirscht heftig im Leichtathletik-Gebälk.

Die Münchner Olympia-Bewerbung sehen beide Parteien als Chance. Für zusätzliche Investitionen in Infrastruktur und Trainingsgruppen sowie eine höhere Sichtbarkeit des Sports. Da wäre es sicherlich hilfreich, wenn keine Splittergruppen entstehen.

Zumal man sich auch beim Thema München Marathon wieder über den Weg laufen könnte. Minah plant eine erneute Bewerbung als Ausrichter – um zusätzliche, eigenständig erwirtschaftete Mittel zu generieren und sich unabhängiger von klassischen Sponsorenmodellen weiterzuentwickeln. „Darüber hinaus sehen wir den München Marathon als wichtiges Instrument, um die Leichtathletik in der Stadt sichtbar zu machen und dauerhaft zu verankern.“

Dethloff wiederum hat das „Marathon Team Munich“ aufgestellt, mit erlesenen Namen wie Gabriel Lautenschlager (2025 Sieger in 2:18:28 Stunden) oder Thea Heim. Ziel ist es, „die deutschen Uralt-Mannschaftsrekorde zu brechen und nach München zu holen“. Die nächste Ansage der neuen Franchise.NICO-MARIUS SCHMITZ

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