Mehrere Talente: Anton Segner schaute beim Training von Eintracht Frankfurt vorbei. © Kessler/Imago
Segners großer Traum: Für Neuseeland spielen und den berühmten Haka zelebrieren. © Sheridan/Imago
Achtung, Kollisionsgefahr! Anton Segner hatte als kräftiger Stürmer bereits „fünf oder sechs Gehirnerschütterungen“. © Gillions/Imago
Anton Segner fällt auf. Mit 1,92 Metern und über 100 Kilogramm ist er nur schwer zu übersehen. Was in Deutschland oft übersehen wird, ist sein Sport. Der 24-jährige Frankfurter ist Rugby-Profi in Neuseeland und vielleicht sogar auf dem Weg zu den „All Blacks“, der weltberühmten Nationalmannschaft.
Herr Segner, als Kind in Deutschland ist die Auswahl an Sportarten groß. Wie landet man beim Rugby?
Ich bin in Frankfurt auf die internationale Schule gegangen. Zwei meiner besten Freunde dort waren Engländer. Eines Tages nach der Schule standen wir in deren Garten, wussten nicht, was wir machen sollten, und sie sagten: „Komm, wir spielen Rugby.“ Das war natürlich kein richtiges Rugby, eher „Ball nehmen und ineinander reinrennen“. Aber mir wurde sofort klar, dass das ein Kontaktsport ist. Ich war damals schon ein stämmiger Junge – das hat einfach gepasst. Ich habe direkt gemerkt: Hier darf man auf legale Art und Weise Leute umhauen. Eine Woche später – da war ich neun oder zehn Jahre alt – bin ich mit meinem älteren Bruder Fritz sofort zum SC Frankfurt 1880 ins Training gegangen.
Was fasziniert Sie am Rugby besonders?
Viele denken bei Rugby sofort an große, kräftige Spieler. Aber das Schöne ist: Es gibt für jeden Körperbau eine passende Position. Obwohl es ein Kontaktsport ist, braucht man auch die schnellen, flinken Spieler – die rennen eher um einen herum, statt durch einen durch. Ich mochte diese Vielfalt und die Zusammenarbeit zwischen den Positionen sehr. Vorne bei den Stürmern spielen die großen, kräftigen Jungs; in der Hintermannschaft geht es mehr um Technik und Geschwindigkeit. Diese Mischung hat mich von Anfang an begeistert.
Allerdings gehören regelmäßige Verletzungen zum Alltag …
Natürlich tut Rugby weh. Ich hatte bisher fünf oder sechs Gehirnerschütterungen – das war das Schlimmste. Dazu typische Gelenksachen, aber nichts Dauerhaftes. Bis jetzt bin ich recht gut durchgekommen.
Wie würden Sie ihre Position für jemanden ohne Rugby-Wissen erklären?
Ich bin ein Stürmer, also einer der großen, kräftigen Spieler. Gleichzeitig bin ich einer der Schnelleren unter den Großen. Viele Tackles, viel Kontaktarbeit, viel Defensive, das ist mein Job. Ich muss alles ein bisschen können.
Alles ein bisschen und das ziemlich gut. Seit 2017 spielt Segner im Rugby-Mekka. In Auckland steht er bei zwei verschiedenen Teams unter Vertrag. Für die Blues läuft der Frankfurter beim Super Rugby in einer Art Champions League des Sports auf. Beim anderen Team in Auckland ist er mittlerweile sogar Kapitän. Für einen Deutschen ein einmaliger Weg.
An welchem Punkt haben Sie gemerkt, dass Sie besser sind als die anderen Kinder beim Rugby?
Mein Körperbau hat mir natürlich geholfen. Als ich nach ein paar Wochen Training direkt in den Kader für die deutsche Meisterschaft berufen wurde, habe ich zum ersten Mal realisiert: „Okay, das könnte wirklich meine Sportart sein.“ Damals war Rugby noch einfach ein Hobby – nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich mal Profi werde. Das hat sich erst geändert, als mein neuseeländischer Trainer in Frankfurt 2016 nach Hause zurückging. Ein Jahr später nahm er Kontakt zu uns auf und sagte: „Ich glaube, du bist gut genug, um hier für eine Schule zu spielen.“ In Neuseeland ist Rugby wie Fußball in Deutschland: Jedes Kind rennt mit einem Ball herum. Das wollte ich erleben. Also bin ich 2017 mit 15 Jahren rüber – eigentlich nur für ein halbes Jahr. Am Ende wurden es die letzten zwei Schuljahre und mein erster Profivertrag mit 16.
Wie hat die Familie darauf reagiert?
Meine Mutter war ehrlich gesagt kein großer Fan der Idee – weiter weg als Neuseeland geht’s ja kaum. Aber beide Eltern haben gesehen, wie sehr ich für Rugby brenne. Und mein damaliger Trainer hat ihnen gesagt, dass ich eine realistische Chance habe. Niemand konnte wissen, wie sich das entwickeln würde.
Inwiefern unterscheidet sich Neuseeland von Deutschland?
Die Menschen sind viel gesprächiger, offener – selbst Fremde grüßen sich auf der Straße. Und natürlich die Landschaft: In einem Land findest du Strände, Berge, Wälder und Großstädte. Auckland, wo ich wohne, ist die einzige wirkliche Metropole, aber man ist trotzdem ständig nah am Meer. Das ist schon besonders.
Fehlt Ihnen etwas aus Deutschland?
Ganz klar: Brezeln, Döner und Schnitzel. In Auckland gibt es zwei deutsche Bäcker, aber das kommt nicht an die Qualität hier heran. Döner existiert dort praktisch nicht. Und Kalbfleisch für Schnitzel ist schwer zu finden – die Neuseeländer exportieren fast alles.
Der deutsche Rugby-Exportschlager selbst träumt davon, für die weltbekannte neuseeländische Nationalmannschaft aufzulaufen. Nach fünf Jahren im Land ist dies auch für Ausländer möglich.
Wann haben Sie zum ersten Mal konkret über die „All Blacks“ nachgedacht?
Als ich in die neuseeländische U18 berufen wurde. Da merkt man: „Okay, ich gehöre zu den besten Spielern meines Jahrgangs – vielleicht ist da wirklich etwas möglich.“ Dieses Jahr stand ich erstmals auf der Shortlist für das B-Team von Neuseeland. Es hat noch nicht für den endgültigen Kader gereicht, aber das ist der nächste Schritt Richtung All Blacks – das ist mein Traum.
Für den Fall, dass es so weit ist: Haben Sie den Haka schon drauf?
Jedes Team hat seinen eigenen Tanz. Auf dem College, für die U-Teams und bei den Blues habe ich schon jeweils einen einstudiert. Sie sind immer unterschiedlich, aber alle sind besonders.
INTERVIEW: CLAAS SCHÖNFELD