Mit Gebrüll ins Glück: 37 Punkte schenkte Obst Baskonia Vitoria ein. Euroleague-Rekord für einen deutschen Spieler. Die alte Bestmarke hatte er selbst im Vorjahr gegen Barcelona aufgestellt. © IMAGO/HAIST
München – Kurz nach der Schlusssirene wusste auch Svetislav Pesic sofort, wohin sein erster Weg zu gehen hatte. Der Trainer der Basketballer des FC Bayern steuerte zu Andi Obst. Er drückte den Welt- und Europameister kurz an sein Herz und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Ob er sich daran erinnern könne, was Pesic ihm sagte, wurde der so Geadelte später gefragt. Obst erinnerte sich mit dem verschmitzten Andi-Obst-Grinsen: „Weiter so!“
Nun ja, auf die nächste Gelegenheit muss er zumindest nicht lange warten. Donnerstagabend reiste der Münchner Tross nach einer kurzen Trainingseinheit nach Athen weiter, wo man es am Freitag (20.15 Uhr) mit Olympiakos Piräus zu tun bekommt. Und wo Obsts 37-Punkte-Gala beim 96:89 gegen Baskonia Vitoria eine weitere folgen soll. „So ist der Plan“, sagte Obst.
Verwundern würde es vermutlich niemanden mehr. „Obst ist unser Spieler“, sagte Svetislav Pesic. Was er damit meint, ist: Der gebürtige Hallenser ist das Herzstück, der Dreh- und Angelpunkt des Bayernteams. Mehr als das, wie Baskonias Trainer Paolo Galbiati findet: „Er ist einer der besten Spieler Europas.“ Ein Spieler, der mittlerweile von Rekord zu Rekord eilt. Nie hat ein deutscher Profi in der Königsklasse mehr Punkte aufgelegt. Am nächsten war Obst sich selbst mit der bisherigen Bestmarke von 34 Zählern gekommen.
Wobei der offensive Output für seinen Trainer nur ein Teil der Wahrheit ist. Obst ist ein kompletter Spieler geworden, der auch defensiv wichtige Rollen tragen kann. „Und er macht das nicht, weil er muss“, betonte Pesic, „er macht das gerne.“ Wobei der Trainer-Fuchs auch Wege gefunden hat, seinem Star Räume zu verschaffen. Im entscheidenden Schlussviertel gegen Vitoria schickte er Obst und den Ex-Ulmer Justinian Jessup gemeinsam aufs Feld. Gegen diese Flügelzange fanden die bis dahin weitgehend souveränen Spanier kein Mittel mehr.
Die Frage ist: Was geht noch in dieser Saison mit einem Andi Obst in Ausnahmeform? Der Weg zu höheren Zielen ist nach der Horror-Vorrunde weit. Platz zehn und damit die Play-Ins ist immer noch vier Siege entfernt. Und danach?
Der Haken: Obsts Vertrag läuft zum Ende dieser Spielzeit aus. Und die Qualitäten des Guards haben sich natürlich auch an den Topadressen Europas herumgesprochen. Und wenn die lukrativen Offerten kommen, dürfte sich auch der Marathonarbeiter des FC Bayern (knapp 100 Spiele im Kalenderjahr 2025) daran erinnern, dass ihm in seiner Karriere nicht mehr viele große Verträge bleiben werden.
Ok, der Mann hatte nach dem Gewinn des WM-Titels in Manila angedeutet, dass er nicht wechseln muss, solange er sich an einem Ort und in einer Rolle wohlfühlt. Aber klar dürfte auch sein: Die Bayern werden ihrer sportlichen Lebensversicherung deutlich aufzeigen müssen, dass sich so eine Hinrunde wie zuletzt nicht mehr so leicht wiederholt, sondern dass der Weg in München zeitnah in Richtung Playoffs oder gar Final-4 gehen könnte. Und der Club wird finanziell draufsatteln müssen, um Obst halten zu können.
In dieser Hinsicht allerdings deutete ja in den letzten Tagen ausgerechnet der Nicht-mehr-Geschäftsführer Marko Pesic Perspektiven an. Nach dem Auslaufen einiger Zahlungsverpflichtungen habe der Verein von der kommenden Saison an mehr Geld für die Mannschaft zur Verfügung. Könnte sich gut treffen.PATRICK REICHELT