Ex-Bayer Uwe Gospodarek trainiert von 2021 bis 2023 in Köln mit Jonas Urbig – dem designierten Nachfolger von Manuel Neuer im Münchner Tor. © Bucco/Imago
München – Früher ein Bayer, zuletzt ein Kölner: Uwe Gospodarek schaut genau hin, wenn der Tabellenführer an diesem Mittwoch (20.30 Uhr) in der Domstadt antritt. Besonders in den Blick nimmt der Ex-Keeper (52), der gerne so bald wie möglich wieder als Trainer arbeiten würde, Jonas Urbig. Er durfte ihn zwischen 2021 und 2023 beim 1. FC Köln begleiten – und weiß, warum er ihm Großes zutraut.
Herr Gospodarek, zwei Ex-Clubs treffen aufeinander – ist das für Sie „alten Hasen“ noch etwas Besonderes?
Ach, inzwischen nicht mehr. Ich verfolge beide Clubs, es ist immer wieder schön, die Vereine zu sehen, ich habe noch guten Kontakt. Beim 8:1 am Sonntag war ich auch in der Allianz Arena. Kalt war es – aber auf dem Platz ging es ja heiß her (lacht).
So sehr, dass die Vorzeichen gegen Köln noch deutlicher wirken als ohnehin schon.
Das war schon beeindruckend, was die Bayern da gemacht haben. Wobei man auch sagen muss, dass die Wolfsburger noch im Winterurlaub waren. Die haben sich in der zweiten Halbzeit ja fast schon ergeben! Das tat mit Sicherheit weh, aber als neutraler Zuschauer hat das Spiel schon Spaß gemacht, die Qualität der Bayern nach vorne ist herausragend. Es wird spannend, was passiert, wenn Jamal Musiala zurückkehrt. Aber das sind Probleme, die hätte gerne jeder Trainer der Welt.
Trauen Sie Köln denn mehr zu als Wolfsburg?
Köln spielt zu Hause. Was die Fans da abreißen, ist Wahnsinn, die Stimmung ist mit die beste, die es in einem deutschen Stadion gibt. Das ist Motivation genug, gegen die Bayern zu 110 Prozent in den Zweikämpfen zu sein. Solange man die Null hält, ist alles gut. Wobei das im Pokalspiel auch gelungen ist – und dann hat es zweimal Klack-Klack gemacht und die Messe war gelesen.
Die Partie wäre eigentlich eine, in der Spielzeit für Jonas Urbig möglich wäre.
Auf dem Papier ja. Aber ich glaube dennoch nicht, dass gewechselt wird. Jonas wird in anderen Spielen auflaufen dürfen. Sei es in den verbleibenden in der Champions League – oder vielleicht im Heimspiel gegen Augsburg. Er wird noch genug Spiele bekommen dieses Jahr, da bin ich mir sicher.
Sie haben ihn trainiert, nun steht er im Bayern-Tor. Ist das auch Ihr Verdienst?
(lacht) So weit würde ich nicht gehen. Aber ich beobachte seine Entwicklung natürlich mit Stolz. Ich durfte ihn ein bisschen begleiten und habe versucht, die eigene Erfahrung aus der ersten Liga weiterzugeben. Wir haben ihn aus Köln zweimal ausgeliehen, damit er sich entwickeln kann. Jetzt trainiert er mit Manuel Neuer, allein diese Trainingseinheiten heben dich auf ein anderes Level. Aber entscheidend sind immer die Spiele: dass du da ablieferst, wird überall gesehen. Das hat er bisher beeindruckend gemacht. Seine Entwicklung ist sehr, sehr positiv.
Was hat ihn von anderen Jugendkeepern abgehoben?
Das Gesamtpaket. Jonas hat einen ganz genauen Karriereplan, schon immer. Der lebt danach, der isst danach, der schläft danach. Der macht alles, was man dafür tun muss, an die Weltspitze zu kommen. Er will Bayerns Nummer eins werden – und der andere Weg ist dann sowieso vorgezeichnet. In Manu hat er einen unglaublich guten Lehrmeister. Nach außen wirkt die Torwartgruppe sehr harmonisch, auch Sven Ulreich und Michael Rechner passen wunderbar. Und Jonas hat nicht den Fehler gemacht, den jemand anderes bei Bayern schon gemacht hat.
Sie meinen Alexander Nübel?
Ich spreche lieber über Jonas: Er hat seine Rolle und nimmt es, wie es kommt. Dabei saugt er alles auf. Man merkt, dass Manuel Neuer deshalb komplett hinter ihm steht. Das ist ein wachsendes Gebilde. Wie lange es noch wächst, muss man abwarten. Das steht und fällt mit der Zukunftsentscheidung von Manu.
Was konnten Sie Urbig mitgeben?
In der U19 sprechen wir vom Kinderfußball, die Senioren-Welt ist eine komplett andere. Unter mir ist er in dieses Tempo reingewachsen, das hat er relativ schnell geschafft. Er bringt das ganze Paket mit, hat alles superschnell umgesetzt. Man hat gesehen, dass er lernwillig und wissbegierig ist. Zusatzeinheiten hat er richtig eingefordert. Weil er jeden Tag besser werden wollte.
Wäre ein weiteres Jahr ohne Spielpraxis für Urbig nicht eins zu viel?
Nein! Für seinen Reifeprozess wäre es perfekt, wenn diese Konstellation nochmal ein Jahr gehen würde. Es gab schon genug Torhüter, die die Nummer zwei beim FC Bayern waren – und als Nummer eins mit dem Druck nicht zurechtgekommen sind. Außerdem darf man die Mehrfachbelastung nicht vergessen. Wenn so ein junger Kerl jeden dritten Tag abliefern muss, ist das schon eine Umstellung. Deshalb wäre es für ihn wahrscheinlich die beste Lösung, wenn Manu noch ein Jahr macht – und nächstes Jahr noch ein paar mehr Spiele abgibt (lächelt).
Und wenn nicht: Wäre Urbig im Sommer so weit, dieses Erbe anzutreten?
Abliefern musst du immer beim FC Bayern. Irgendwann werden die Samthandschuhe ausgezogen und der Welpenschutz ist vorbei. Die Qualität ist definitiv da.
INTERVIEW: HANNA RAIF