„Davor haben wir am meisten Angst“

von Redaktion

Der schmale Grat zwischen Pause und Comeback – Biathlon-Arzt Wüstenfeld warnt

Betrübt: Philipp Horn fehlt in Ruhpolding. © Prössdorf/Imago

DSV-Mannschaftsarzt Jan Wüstenfeld. © DSV

Oberhof/Ruhpolding – Dass ein Wintersportler eine komplette Saison gesundheitlich unbeschadet übersteht, ist insbesondere im Biathlon eine Seltenheit. In dieser Saison hat es im deutschen Team mit Franziska Preuß und Selina Grotian (beide Corona) bereits prominente Namen getroffen – jetzt erwischte es nun auch Philipp Horn.

Neben der Genesung gilt es für ihn, den idealen Zeitpunkt zu finden, um wieder ins Training einzusteigen. Hier kommt das Ärzteteam des Deutschen Skiverbands (DSV) um Jan Wüstenfeld ins Spiel. Selbst wenn es medizinisch wieder gefahrlos sein sollte, den Sport auszuüben, „heißt das noch nicht, dass sie auch wieder im Weltcup performen können“, so der 50-jährige Ex-Biathlet. Bei einem ausgeprägteren Infekt dauere es einfach, bis das Körpergefühl und die Leistungsfähigkeit komplett zurück sind.

Wer zu früh wieder einsteigt, riskiert nicht nur eine unbefriedigende Leistung, sondern könnte eine Erkältung verschleppen, die Regeneration verzögert sich. Deshalb wird die Rückkehr streng überwacht. Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität, Blut- und Entzündungswerte, Schlafverhalten und subjektives Empfinden fließen laut Wüstenfeld täglich in die Entscheidung ein. Aber: „Das sind nur Hilfsparameter.“ Eine Tankanzeige wie beim Auto, wann der Körper wieder bei 100 Prozent ist, gibt es nicht. Entscheidend bleibt das Körpergefühl der Sportler.

Doch auch mit allen Hilfsmitteln dieser Welt – Gewissheit gibt es nie. Eine bittere Diagnose traf vor Kurzem Johanna Puff, die im vergangenen Jahr noch im Weltcup startete. „Die Herzmuskelentzündung ist das große Risiko, vor dem wir am meisten Angst haben“, so Wüstenfeld. Es sei an sich ein seltenes Ereignis und auch hier gebe es Unterschiede: Von „leichten Reizungen des Herzbeutels bis hin zu einer schweren Entzündungsreaktion, die lebensbedrohlich sein kann“. Im Fall von Puff, bei dem der DSV-Arzt versicherte, dass in der Diagnostik im Vorfeld nichts schief gelaufen ist, ist die Schwere nicht bekannt. Sicher ist der 23-Jährigen erstmal nur eine lange Trainingspause.

Doch oft ist es nicht das akute Risiko, das Probleme macht – sondern der schleichende Schaden. Beginnt ein Athlet zu früh mit intensiven Einheiten, ist „das Immunsystem in der Regel noch nicht auf seinem Ausgangsstatus“, erklärt es Wüstenfeld auch seinen prominenten Patienten. Die Folge: Ein Infekt jagt den nächsten. Dieses Phänomen erkenne der ehemalige Biathlet auch bei ambitionierten Hobbysportlern, „die immer wieder den Ticken zu früh anfangen“.

Mit dem Unterschied, dass sie nicht den Zeitdruck der Profis haben. Vor allem in der Olympia-Saison richten die Athleten alles auf das Saisonhighlight aus. Und hier erzählt Wüstenfeld von einer Ausnahme: Sollte ein Athlet, der sich sonst gut fühlt, mit einer Erkältung starten wollen, dann „lässt man als Arzt jemanden laufen, den man sonst raus nehmen würde. Am Ende sind es alle erwachsene Menschen“. Er schreitet allerdings ein, wenn es um die Gefährdung von Leib und Leben geht.

Wo er nicht mit sich diskutieren lässt, ist das Thema Fieber – für Wüstenfeld ein „No-Go im Sport“. Mindestens drei fieberfreie Tage sollten vergehen, bevor man an lockere Bewegung denkt. Seine Faustregel für Hobbysportler mit Erkältungssymptomen: „Wenn man darüber nachdenkt, ob das Training jetzt überhaupt sinnvoll wäre, dann ist es das meist nicht.“

Geduld ist dabei keine Schwäche, sondern eine Form von Trainingssteuerung. Wer lang genug pausiert, der kommt am Ende schneller und gesünder zurück – auf die Weltcup-Strecke wie auf die Joggingrunde.ALEXANDER VORMSTEIN

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