David Zobel gilt als sicherer Olympia-Kandidat, obwohl er bisher nur die halbe Norm erreicht hat. © Fromm/Imago
Platz drei beim Heimweltcup: Strelow (v.l.), Riethmüller, Zobel und Nawrath schreien ihre Freude hinaus. © Bachun/Imago
Franziska Preuß greift heute wieder an. © Jop/Imago
„Auf dem aufsteigenden Ast“: Selina Grotian will es sich selbst beweisen. © Hilger/Imago
Ruhpolding – Er wollte sich nicht zu früh freuen, sagte Justus Strelow, als Schlussläufer Philipp Nawrath auf der letzten Runde noch einmal die letzten Körner aus sich herauspresste. Kurze Zeit später rannte Strelow in den Zielbereich, wo er mit Nawrath, David Zobel, Danilo Riethmüller und 13 400 Biathlon-Fans in Ruhpolding Platz drei feierte.
Beim fünften Rang am Sonntag war es noch der eine Nachlader zu viel, gestern leistete sich das DSV-Quartett insgesamt nur fünf Fehler und lag nur 7,9 Sekunden hinter den Siegern. „Es war eine Wahnsinns-Teamleistung. Alle Jungs haben einen unfassbar geilen Job gemacht, ich hatte eine super Ausgangsposition. Nur die anderen beiden waren noch einen Ticken stärker“, sagte Nawrath. Damit meinte er die französische und die norwegische (+6,2) Staffeln.
Im Team mausern sich die Männer gerade immer mehr zu Medaillen-Kandidaten für Antholz – auch deswegen blickt Felix Bitterling ganz gelassen und „mit großer Zuversicht“ den Olympischen Spielen entgegen. Und trotzdem schweben noch einige Fragezeichen durch die Chiemgau-Arena. Wen nimmt der zum Saisonende scheidende Sportdirektor mit zum großen Highlight? Die letzten Plätze sind hart umkämpft, aber nicht auf dem Niveau, das sich Bitterling erhofft hatte. Mit Selina Grotian kämpft eine Weltcupsiegerin noch um die Norm, bei den Männern haben mit Nawrath, Philipp Horn (fehlt krankheitsbedingt in Ruhpolding) und Strelow nur drei die Vorgabe (einmal Top-Acht oder zweimal Top-15) erreicht.
Doch die endgültige Entscheidung trifft ohnehin gar nicht Bitterling mit seinen Trainern – entgegengesetzt zu Weltmeisterschaften. Er kann am Sonntagabend nur eine Begründung zu den biathlon-internen Nominierungsvorschlägen schreiben – und hofft, dass „die Athleten hier in Ruhpolding uns noch Argumente liefern“. Und dann geht die typisch deutsche Bürokratie los:
Nachdem das Biathlon-Team um Bitterling seine Entscheidung getroffen hat, muss diese noch vom Vorstand des Deutschen Skiverbands (DSV) formell bestätigt werden. Am kommenden Dienstag tagt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) dazu. „Und was dort entschieden wird, da habe ich – bis auf die Begründung für einen Antrag zu einer Nominierung, die ich mitliefern muss – keine Handhabe mehr“, erklärt Bitterling das Procedere. Interessant ist aber, dass bereits am Montag in München die Olympia-Einkleidung für die Biathleten ansteht.
Die Norm ist laut dem Sportdirektor „sehr ausschlaggebend. Das ist halt sehr, sehr deutsch“. Er verweist darauf, dass die Nominierung bei anderen Nationen anders abläuft und dort die „Entscheidungshoheit“ bei den Teams liege. Aber: „Wir müssen uns damit abfinden und das Beste daraus machen.“ Und das Beste ist vielleicht doch, alle Plätze zu besetzen. Bitterling hatte vor der Saison angekündigt, auf eine sechste Olympia-Fahrerin verzichten zu wollen. In Ruhpolding klang das nun anders.
Davon profitieren könnte Grotian, die sich laut Bitterling „auf einem aufsteigenden Ast befindet“. Sie hat bei ihm auch ohne Norm ein Stein im Brett. Er könne sich auf die Ergebnisse aus dem letzten Jahr berufen. „Sie ist eine absolute Weltklasse-Frau im gesunden Zustand, die die ganze Saison mehr oder weniger ausgefallen ist“, so der 48-Jährige. Und trotzdem will es Grotian sich im Sprint am heutigen Freitag (14.30 Uhr/ZDF und Eurosport) selbst beweisen. Auch die zuletzt im IBU-Cup so starke Sophia Schneider bekommt ihre Chance. ALEXANDER VORMSTEIN