Fratelli d‘Italia: Wenn seine Nationalspieler die Hymne schmettern, spürt Hanning durchdringende Energie. © IMAGO
Italo-Style: Azzurri-Coach Bob Hanning. © IMAGO
Kristianstad – Wenn das „Il Canto degli Italiani“ ertönt, beginnt für Bob Hanning das große Zittern. „Manchmal habe ich die Sorge, dass die Spieler sich bei der Hymne schon verausgaben. Mit der Inbrunst, wie die gesungen wird, habe ich Angst, dass sich einer eine Zerrung holt“, sagte der italienische Nationaltrainer vor dem EM-Start und lachte. „Solange es am Ende nur die Stimmbänder sind, kann ich aber damit leben.“
An Motivation wird es den Azzurri bei ihrer „Herkulesaufgabe“ in Schweden nicht mangeln. „Heiß machen muss ich keinen Italiener. Im Gegenteil“, sagte der 57-jährige Hanning vor dem Startschuss gegen Island am Freitag (18.00 Uhr/Dyn) im Interview. Dies gilt auch für ihn selbst. Er spüre vor seinem ersten Turnier „vor allem viel Vorfreude“, sagte er: „Das ist schon etwas ganz Besonderes.“
Seit knapp einem Jahr ist Hanning nun bereits in neuer Funktion unterwegs, die Italiener hatten den Geschäftsführer der Füchse Berlin nach dem erstmaligen Sprung in eine WM-Hauptrunde (Platz 16) im Vorjahr als neuen Coach installiert. Acht Länderspiele (vier Siege, vier Niederlagen) später stehen sie nun vor dem nächsten Highlight: Nach 28 Jahren gibt Italien sein Comeback auf der EM-Bühne.
„Wir haben uns Schritt für Schritt herangepirscht und gut entwickelt“, sagte Hanning, der als einziger aller 24 EM-Trainer einen deutschen Pass besitzt. Im schwedischen Kristianstad trifft er mit dem von zahlreichen Verletzungen geplagten Außenseiter neben den hoch gehandelten Isländern, Hannings EM-Geheimfavorit, noch auf Ungarn (Sonntag) und Polen (Dienstag). Die ersten zwei Teams erreichen die nächste Turnierphase.
„Natürlich sind die großen Teams noch weit weg“, sagte der Funktionär. Aber: „Trotzdem möchte ich gerne in die Hauptrunde kommen. Wir wollen einen der beiden Großen schlagen und uns gegen Polen qualifizieren.“ Das Ziel sei, „positiv an das Thema“ heranzugehen: „Mit dem Glauben an große Momente.“
Hanning weiß, wie Erfolg geht. Auch als Trainer. Den VfL Potsdam führte der frühere DHB-Vizepräsident als Coach sensationell aus der 3. Liga in die Bundesliga, ehe er im Sommer 2024 das Amt ruhen ließ. Mit dem Posten des Nationaltrainers erfüllte er sich im vergangenen Frühjahr einen lang gehegten Wunsch.
„Wenn wir die Hauptrunde erreichen würden, wäre das schon ein großer Traum“, sagte Hanning, der im Turnierverlauf wohl zu gerne auch das deutsche Team gefordert hätte. Zu einem Duell mit der Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason kann es allerdings frühestens im Halbfinale kommen. „Italien erreicht die Hauptrunde, Deutschland wird Europameister – das wäre doch was“, schrieb Hanning in seiner Bild-Kolumne.
Er denkt zunächst in kleinen Schritten – auch was die Hymne angeht. Das Lied der Italiener wird Hanning bei der EM vielleicht sogar mitsingen, nachdem er sein Italienisch per Sprach-App langsam, aber stetig verbessert. „Ich bin auf einem guten Weg“, sagt er. „Alles sitzt noch nicht, aber Teile sind präsent: Ich habe die Hoffnung, dass es bis zum ersten Spiel passt.“SID