Drehte auf: Franz Wagner. © Sagirkaya/Imago
Und Abflug: Der Münchner Tristan da Silva zeigte seine ganze Athletik. © Sagirkaya/Imago
Zwei Weltmeister und ein NBA-Champion hatten die beste Sicht auf den fliegenden Tristan da Silva. Mats Hummels, Thomas Müller und Dirk Nowitzki saßen unter dem Korb und bestaunten den Dunk des Münchners. Es war einer der Momente, in der die Berliner Uber Arena in bebte. Eine halbe späte Stunde später tanzte da Silva mit Moritz Wagner und dem Maskottchen der Orlando Magic. Beim ersten offiziellen Spiel der NBA in Deutschland drehte Orlando einen 20-Punkte-Rückstand und bezwang die Memphis Grizzlies mit 118:111.
Wohin mit all den Emotionen? Das wusste keiner der deutschen Spieler so genau. „Vieles und nichts zugleich“, ging da Silva durch den Kopf: „Ich versuche noch, das zu begreifen.“ Franz Wagner sah das ähnlich: „Ich brauche noch ein paar Wochen, um all das hier zu reflektieren.“ Mit all das war nicht nur das Spiel gemeint, sondern auch die zahlreichen Marketing-Maßnahmen rund um den Deutschland-Trip. Die Berliner Verkehrsbetriebe benannten unter anderem den U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz kurzerhand nach Franz und seinem Bruder Moritz. Zu Beginn des Spiels wirkte es, als wäre all das Drumherum zu viel gewesen, die überwältigende Premiere. Orlando startete schwach, teils fahrlässig in der Defensive, offensiv wollte nur wenige Würfe fallen. „Die Nerven waren da, das Adrenalin. Die Atmosphäre war unglaublich“, sagte Magic-Trainer Jamahl Mosley.
Jürgen Klopp sprach von „Wahnsinn“, auch Nowitzki stimmte sichtlich ergriffen in die Schwärmereien mit ein: „Vor 20 bis 25 Jahren hätte ich mir sowas nicht erträumt.“ Müller ergatterte Selfies mit den Basketball-Größen Steve Nash und Detlef Schrempf. In der Halbzeit lieferte Rapper Luciano eine mittelmäßige Show ab, schnell zurück zum Sport.
Moritz Wagner spielte einst als Jugendlicher mit Alba Berlin ein Show-Spiel gegen die San Antonio Spurs. Wusste damals aufgrund des riesigen Trubels nicht mehr, wo links und rechts ist. Jetzt war der 28-Jährige eine der Hauptattraktionen. „Ich habe erst gecheckt, als es losging, wie verrückt das hier alles ist. Diese Aufmerksamkeit, die wir hier bekommen haben, ich weiß gar nicht, ob das gesund ist.“
Es war dieser schmale Grad zwischen maximaler Show und eben einem regulären Saisonspiel, das genauso im Kampf um die Playoffs zählt, wie jedes andere auch. „Du willst das genießen, auf der anderen Seite musst du aber auch Jaren Jackson verteidigen“, so Mo Wagner.
Am Abend nach dem Sieg verbrachte das deutsche Trio noch etwas Zeit mit der Familie und Freunden. Dann stand der nächste Flug an, nach London, dort wartet am Sonntag das Rückspiel gegen die Grizzlies. NBA-Commissioner Adam Silver nutzt die Tage, um die Gespräche mit Investoren und Vereinen für die geplante neue Liga voranzutreiben. Der Jurist sprach von einer „goldenen Ära“ des Basketballs in Deutschland, lobte die gesamte Entwicklung in Europa. „Das ganze Projekt ist langfristig angelegt, es wird eine Weile dauern, bis sich die Investitionen auszahlen“, sagte Silver: „Aber es gibt einen enormen Enthusiasmus.“ Auch die rechtlichen Konsequenzen, mit denen Platzhirsch Euroleague droht, lächelte der 63-Jährige weg.
Das Spiel in Berlin – und die Tage davor – waren wohl die beste Werbung für die Expansionspläne. Moritz Wagner sprach von „Gänsehaut. Eine emotionale Überforderung. So viele Basketball-Fans habe ich lange nicht mehr gesehen.“ Da Silva freute sich schon auf einen möglichen erneuten Besuch in Deutschland. 2028 wird die NBA wieder in die Hauptstadt zurückkehren.NMS