Ich schaue dir in die Augen, Kleines: Wolff gewann auch das Psychoduell mit Österreichs Sebastian Frimmel. © IMAGO/Koch
Herning – Mit seinem geröteten linken Auge erinnerte Andreas Wolff mehr an einen Boxer als an einen Handball-Torhüter. „Der Ball ist ins offene Auge gegangen, aber das passiert nun mal. Wichtig ist, dass da nichts kaputtgegangen ist. Ich gehe jetzt in die Kabine und lasse es noch ein bisschen kühlen“, sagte Wolff nach dem erfolgreichen EM-Start gegen Österreich. Er grinste.
Der Schlussmann hatte nach seiner Paraden-Show im emotionsgeladenen Bruderduell sichtlich Spaß am Interview-Marathon in den Katakomben der Jyske Bank Boxen in Herning und sendete eine klare Botschaft an sich und seine Teamkollegen: Jetzt bloß nicht nachlassen!
Gegen Serbien am Samstag (20.30 Uhr/ARD) winkt bei einem Sieg bereits das Hauptrunden-Ticket. Es werde „ein hartes Spiel für uns werden, wir müssen genauso konzentriert sein“, sagte Wolff. Dies mahnte nach dem Arbeitssieg gegen die Österreicher (30:27) auch Bundestrainer Alfred Gislason an. „Wir müssen sehr wach sein. Diese Abwehr macht mir sehr viel Spaß, aber im Angriff müssen wir uns steigern“, sagte der 66-Jährige. „Wir treffen mehrmals das leere Tor nicht.“
Wolff hatte vor der Pause ebenfalls über das gesamte Feld das verwaiste Tor der Österreicher verfehlt. Dies und der Volltreffer von Sebastian Frimmel, der Wolff im zweiten Abschnitt mit Wucht im Gesicht getroffen hatte, konnten seine Laune nach dem Traumstart ins Turnier nicht schmälern. Mit am Ende 36 Prozent gehaltener Bälle hatte der Keeper des THW Kiel seinen „Anti-Handball-Aussagen“ über die Österreicher Taten folgen lassen.
„Wer feiern kann, muss auch am nächsten Tag arbeiten können. Und wer mal einen Spruch riskiert, muss am nächsten Tag Paraden abliefern – und ich glaube, das hat Andi getan“, sagte Teammanager Benjamin Chatton über den 2016er-Europameister.
Tatsächlich hatten die Österreicher im umkämpften ersten Turnierspiel vergleichsweise selten ihr Sieben-gegen-Sechs ausgepackt, das Wolff im Vorfeld mit klaren Worten kritisiert hatte. Nichtsdestotrotz entwickelte sich für Deutschland eine zähe Partie, in der sich das DHB-Team durch eine einmal mehr starke Defensiv-Leistung die ersten Punkte auf ihrer Medaillenmission in Dänemark verdiente.
Gegen die Serben, die ihren EM-Auftakt 27:29 gegen Spanien verloren haben, wird es erneut auf die viel gelobte Kaderbreite ankommen, die schon vor dem Turnier oft Thema – und nun auch gegen die Österreicher Trumpf war. „Wir haben nicht nur ein, zwei Spieler, die gut im Innenblock sind, sondern wir haben vier, fünf und haben mindestens genauso viele Spieler auf der Halbposition. Ich denke, dass diese Breite uns sehr stark macht“, sagte Wolff.
Deutlich wird dies insbesondere in der Deckung. Ob mit Tom Kiesler oder Justus Fischer: Der Innenblock aus Johannes Golla, der als „Man Of The Match“ zudem offensiv mit sieben Treffern glänzte und laut Gislason mit einem „absoluten Weltklasse-Spiel“ auftrumpfte, und Julian Köster wird immer öfter und immer besser entlastet. Und wenn doch mal ein Ball durchkam, war da noch Wolff.
Der Plan des 34-Jährigen, so lässt sich das Bohei vor dem Turnierstart durchaus interpretieren, ging auf. Was man im Boxen, um im Bild zu bleiben, Ballyhoo – die nicht selten übertriebene PR, um vor großen Kämpfen Aufmerksamkeit zu generieren – nennt, ist im Handball nicht weit verbreitet. Doch bei aller Aufregung um die forsche Ausdrucksweise: Der Griff in die Trickkiste gelang. Wolff zog alle Aufmerksamkeit auf sich und nahm dem Team so etwas an Druck.SID