„Ich bin Bobby, ich bin unschlagbar“

von Redaktion

Dekeyser spielte bei St.-Gilloise, Bayern und 1860 – Millionen verdiente er mit Möbeln

Mit seinen Enkeln auf der Nay Palad Farm. © Privat

Immer eine Idee: Dekeyser mit Löwen-Ski. © Imago (2)

Fußball war seine Leidenschaft, aber Geld verdiente Dekeyser mit Gartenmöbeln. © IMAGO

Mit Hansi Pflügler und Klaus Augenthaler – für Bayern bestritt er ein Pflichtspiel und verlor im Pokal 0:3 gegen Düsseldorf.

Sein letztes Spiel für die Löwen gewann das Team mit 1:0 gegen Waldhof Mannheim. © Privat

München – Was der FC Bayern und Saint-Gilloise gemeinsam haben? Einen ehemaligen Spieler, dessen Lebensgeschichte seinesgleichen sucht. Der Belgier Robert „Bobby“ Dekeyser startete seine Karriere als Torhüter beim heutigen Gegner der Bayern, ehe Jean-Marie Pfaff ihn 1986 nach München lockte. Millionen hat er allerdings erst nach seiner Karriere verdient – mit Möbeln. Heute betreibt der 61-Jährige unter anderem das Hotel „Nay Palad Hideaway“ auf den Philippinen, Asiens Hotel des Jahres 2025. Ein Interview mit Weitblick.

Herr Dekeyser, wir erwischen Sie in Thailand, Sie wohnen auf Ibiza und betreiben ein Hotel auf den Philippinen. Spielt der Fußball noch eine Rolle?

Indirekt schon, weil ich mit vielen Ehemaligen noch gut bekannt bin. Mit Hansi Flick zum Beispiel verbindet mich eine enge Freundschaft. Wie ich hat er in die Münchner Firma Padel City investiert, wir sind fast wie Brüder. Ich rufe ihn vor jedem Spiel an, um Glück zu wünschen, und danach, meist um ihm zu gratulieren. Ich bin wahnsinnig stolz auf ihn, weil er in dieser Branche so menschlich geblieben ist, sich selbst treu. Das gibt es nicht oft!

Ihr Landsmann Vincent Kompany wird in München mit ihm verglichen. Verfolgen Sie die Bayern – und auch die Partie gegen Ihren Ex-Verein Saint-Gilloise?

Meinen Sie, ich kriege das in Thailand überhaupt übertragen? (lacht) Außerdem wird es ja mitten in der Nacht sein. Aber wie immer gilt: Wer am schönsten spielt, soll gewinnen.

Das dürften – zumindest mit Blick auf die Ausgangslage – die Bayern sein.

Da haben Sie Recht. Aber für Saint-Gilloise ist es ein Erfolg, Partien wie diese überhaupt spielen zu dürfen. Wenn ich mich daran erinnere, wie es damals war, als ich in den Achtzigerjahren dort gespielt habe… kein Vergleich!

Erzählen Sie!

Die lange Geschichte oder die kurze?

Ihre Geschichte!

Ich hatte mit Fußball nichts am Hut, bis ich 15 Jahre alt war. Der einzige Grund, aus dem ich gespielt habe, war, um eine Freundin kennenzulernen. Ich war neu, also musste ich ins Tor. Dort habe ich meine Sache aber so gut gemacht, dass ich gemeinsam mit Bruno Labbadia als beste Jugendspieler eine Reise zu Pelé und Franz Beckenbauer nach New York gewonnen habe. Über Wormatia Worms wurde ich dann von Kaiserslautern gekauft, habe die Schule geschmissen und nur noch Fußball gespielt. Weil ich aber zehn Monate Wehrdienst in der belgischen Armee leisten musste, landete ich in Brüssel. Und weil Fußball spielen besser war als Wehrdienst leisten, bei Saint-Gilloise.

Kannte der Verein Sie?

Nein. Ich bin da einfach hingegangen und habe gesagt: Ich will das Präsidium sprechen. Die saßen gegenüber in der Kneipe, der gleichzeitig Vorstandsraum war. In der Hand Zigarren, auf dem Tisch Wein. Ich wurde für 500 Mark im Monat verpflichtet und schnell vom vierten zum ersten Keeper. 17, 18 Spiele habe ich gemacht, aber eins habe ich dann – direkt nach einer Nacht im Schlafsaal mit elf Mann – richtig vermasselt. Also war ich wieder raus. Auf einen Bankplatz hatte ich keine Lust. Und dann kam es in einem Hotel in Frankfurt zu einer schicksalhaften Begegnung.

In der Hauptrolle: Jean-Marie Pfaff.

Ich sah ihn dort sitzen und wusste, dass das eine große Chance ist, habe mich auf Flämisch vorgestellt. Und bevor er gegangen ist, habe ich zu ihm gesagt: „Geh mit in die Garage, ich zeige dir was!“ Eine Stunde lang habe ich mich von ihm mit einem Ball einschießen lassen, bis meine Knie geblutet haben. Das hat wohl Eindruck hinterlassen. Denn als sich wenig später Raimond Aumann schwer verletzte, rief mich Uli Hoeneß an: „Jean-Marie hat von dir geschwärmt. Komm morgen zum Probetraining!“

Da ließen Sie sich nicht zweimal bitten, oder?

Natürlich nicht. Um mir selbst die Nervosität zu nehmen, habe ich mich vorgestellt mit den Worten: „Ich bin Bobby Dekeyser, 19 Jahre alt, und ich bin unschlagbar!“ Da haben Lothar Matthäus, Michael Rummenigge, Andy Brehme und alle anderen nicht schlecht gestaunt (lacht). Aber ich war so voll Adrenalin, dass ich wirklich unschlagbar war. Zwei Wochen lang habe ich alles gegeben – und dann hatte ich einen Vertrag. Ohne dass Uli Hoeneß wusste, dass ich vorher mit alten Männern im Park in Belgien gespielt hatte, weil ich gar keinen Verein mehr hatte. Und in einer Garage gewohnt hatte, ohne Geld und warmes Wasser. Ich wollte es schaffen – wie Rocky.

Sie blieben nur eine Saison. Hat Bayern Sie trotzdem geprägt?

Ja. Ich habe Erfahrung fürs Leben mitgenommen. Viele tolle Reisen, Training auf damals bestem Niveau. Außerdem waren wir in aller Munde als zwei Belgier im Bayern-Tor. Aber weil ich mich aufgrund meiner Vorgeschichte manchmal fühlte wie ein „Bluffer“, bin ich in ein Loch gefallen. Ich habe trainiert wie ein Irrer, besser gemacht hat mich das aber nicht. Meine Geschichte – mit 15 das erste Mal einen Ball am Fuß, mit 19 Bayern-Torwart – war sensationell. Aber ich wollte mehr spielen! Daher bin ich nach Nürnberg gegangen. Als vielleicht einziger Spieler der Geschichte, der dem FC Bayern freiwillig gekündigt hat.

Kennt Hoeneß Ihre Geschichte inzwischen?

Natürlich. Wir haben noch guten Kontakt. Bruno Kowacevic, heute gute Seele beim FC Bayern und Ulis Fahrer, war früher mein Angestellter. Ich bin alle sechs Wochen in München, um meinen alten Freund Lou – übrigens damals Libero bei Saint Gilloise – zu sehen. Mit Uli bin ich daher demnächst für eine kleine Bergtour verabredet. Darauf freue mich. Ich spreche gerne mit ihm. Er ist ein Mann mit klarer Linie.

Er hat Ihnen also auch verziehen, dass Sie am Ende Ihrer Karriere bei den Löwen gespielt haben?

Ja klar. Anfangs waren da natürlich alle gegen mich, was wollte auch ein Roter bei den Blauen? Aber ich habe gut gespielt. Eine Gesichtsverletzung hat mich leider wochenlang außer Gefecht gesetzt – im Krankenhaus habe ich meine Firma „Dedon“ gegründet. Schon damals wusste ich, dass ich mehr Unternehmer als Fußballer war. Für drei Spiele bin ich nochmal aufs Feld, als die Löwen dringend Bedarf hatten. Es waren die besten meines Lebens, ich war sogar in Ihrer Zeitung „Spieler des Monats“ (lacht). Plötzlich kamen wieder Angebote rein. Aber es war vorbei.

Ihre zweite Karriere ist nicht minder beeindruckend.

Außer Euphorie hatte ich keine Basis. Aber ich war froh, dass ich den Druck aus dem Fußball hinter mir lassen konnte. Es hat ein wenig gedauert, das Richtige zu finden, aber weil meine Gartenstühle aus Rattan ständig kaputt waren, haben wir die Kunststofffaser Polyratten entwickelt. Nach acht, neun Jahren war der Möbelfabrikat Dedon eine Weltmarke mit 6000 Mitarbeitern. Das war von Anfang an mehr meine Richtung. Aber ohne den Fußball wäre ich nicht der, der ich heute bin.

Warum?

Ich war eigentlich unerziehbar, Schule ging gar nicht. Durch den Fußball habe ich zur Disziplin gefunden, es war die erste Sache, die ich durchgezogen habe. Trotzdem weiß ich heute, dass ich als Typ mehr Vielfalt brauche. Ich liebe Neuanfänge. Ich schreibe gerade ein Buch, das heißt: „Always a beginner“

Was kommt als Nächstes?

Hotels, Schulen, es ist einiges zu planen. Aber ich liebe vor allem das Leben mit meinen Kindern und vier Enkeln auf unserem Hof in Ibiza. Wir haben Lamas und 80 weitere Tiere, wir produzieren und spenden für die Caritas, Schulklassen lernen bei uns über Landwirtschaft, wir empfangen von Hollywood-Schauspielern bis Philosophen ganz viele Leute. Dieses spannende Leben habe ich im Fußball vermisst. Da geht es immer um Gewinnen oder Verlieren. Wobei ich denke, dass ich heute mehr gewonnen hätte – denn das Torwartspiel würde mir besser liegen. Ich wollte schon damals immer mitspielen, wie Manuel Neuer heute.

Auch er steht bald vor dem Karriereende. Aber Erstmal noch gegen St. Gilloise im Tor. Was passiert, wenn der Underdog gewinnt?

Dann würde Belgien auf dem Kopf stehen. Aber ein Belgier gewinnt ja so oder so. Und das Land freut sich auch immer über den Erfolg von Vincent Kompany.

INTERVIEW: HANNA RAIF

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