Es charakterisiert Marc-Andre ter Stegen am besten, wenn man sein Ende beim FC Barcelona als Basis nimmt: Die Tränen sind geflossen, als sich der jahrelange Stammkeeper am Dienstag nach zwölf Jahren bei Barca verabschiedete, auf Instagram schrieb der 33-Jährige später mit Blick auf seine Leihe an den FC Girona von „gemischten Gefühlen“. Da ist einer herrlich ehrlich – und zeigt, dass Werte wie Vereinstreue und Loyalität in dieser Branche noch nicht ausgestorben sind. Zum Glück! Denn andere hätten bei all dem, was ter Stegen im letzten Dreivierteljahr erlebt hat (Verletzung, Degradierung, öffentliche Auseinandersetzung), längst zum persönlichen Rachefeldzug angesetzt.
Dass ter Stegen auf diesen verzichtet hat, ehrt ihn. Und trotzdem wird sich der DFB-Keeper den 15. Februar schon im Kalender markiert haben. Kein ganzer Monat bleibt zur Akklimatisierung, um im direkten Duell mit dem Stammverein Zeichen zu setzen. Wenn der FC Barcelona beim derzeitigen Elften Girona gastiert, werden sich alle Augen im spanischen Fußball auf den prominenten Schlussmann richten. Die der Fans aus Deutschland begleiten ter Stegen ab sofort sowieso. Denn ihm bleiben exakt 18 Partien, um zu beweisen, dass er der Richtige für das WM-Tor im DFB-Team ist.
Er selbst weiß nur zu gut, dass er sofort zünden muss. Ein Patzer beim Debüt gegen Getafe am kommenden Montag – ter Stegens erstem Liga-Spiel seit Mai –, und die Maschinerie der mehr als 80 Millionen Bundestrainer läuft heiß. Ist ter Stegens Zeit abgelaufen? Ist Oliver Baumann nicht doch der Bessere? Und müsste man nicht sowieso Manuel Neuer aus der DFB-Rente zurückholen, weil er nun mal Manuel Neuer ist? Fans, Beteiligte, Mitspieler, Trainer, Experten: Zu diesem Stammtisch-Thema hat jeder eine Meinung. Und der Stammtisch bekommt ab sofort Woche für Woche Stoff.
Das mag unterhaltsam sein, ist aber nichts als ein Beleg für die Oberflächlichkeit der Branche. Gut, dass ter Stegen nicht der Typ ist, sich davon verrückt machen zu lassen. Er wird sein Ding machen, so oder so – und man sollte ihn dabei so fair begleiten, wie er es auch ist.