München – Die Nachricht ist in der Geschäftsstelle des Deutschen Turner-Bundes (DTB) in Frankfurt vergangene Woche eingeschlagen wie aus dem Nichts. Und bis sie am Montagabend offiziell wurde, waren schon ein paar Tage vergangen. In Fällen wie diesem ist eine Menge Sensibilität gefragt, jedes geäußerte Wort muss durchdacht sein. Die Pressemitteilung, die zum Wochenstart versandt wurde, liest sich daher betont defensiv und nüchtern. Kernsatz: „Der DTB ist Ende der vergangenen Woche über die Einleitung eines Ermittlungsverfahren gegen verschiedene Personen – darunter der Präsident und der Vorstand Sport des DTB – informiert worden. Der DTB ist nebenbeteiligt. Gegenstand des Ermittlungsverfahrens sind Sachverhalte am Kunst-Turn-Forum in Stuttgart.“
Nun hat es also auch die Verbandsobersten in den Fokus der Ermittlungen rund um die schwerwiegenden Missbrauchsvorwürfe am Stuttgarter Kunstturnforum gerückt. Es geht um einen Personenkreis, in dem DTB-Präsident Alfons Hölzl und Sportvorstand Thomas Gutekunst die prominentesten Köpfe sind. Das Duo hat das Präsidium über die Ermittlungen in Kenntnis gesetzt, der DTB seine Anwälte damit beauftragt, „die derzeit vorliegenden Informationen der Staatsanwaltschaft Stuttgart kurzfristig zu prüfen“ – und Hölzl exakt eine Stunde und zehn Minuten nach der offiziellen Mitteilung ein Statement verbreiten lassen, in dem er einen Rücktritt zum jetzigen Zeitpunkt ausschließt.
„Ich sehe auf Basis der mir vorliegenden Sach- und Rechtslage keinen Anlass, mein Amt als Präsident des Deutschen Turner-Bundes niederzulegen oder ruhen zu lassen“, ließ der 57-Jährige wissen. Nachvollziehen könne er die bisher bekannten Details „weder im Sachverhalt noch hinsichtlich einer möglichen Pflichtverletzung“. Er sagte zu, was logisch ist: für „eine umfassende und transparente Aufklärung der erhobenen Vorwürfe uneingeschränkt zur Verfügung“ zu stehen.
Der Schock erschüttert den Verband bis ins Mark, Erstaunen und Unverständnis sind zu vernehmen. Der DTB hat umgehend seine Anwälte beauftragt, die vorliegenden Informationen der Staatsanwaltschaft Stuttgart kurzfristig zu prüfen. Die Gemengelage im Geflecht aus Dachverband und Landesverbänden ist kompliziert. Die Frage, wer wann was hätte verhindern können, beschäftigt in der umfassenden Aufklärung freilich auch die Staatsanwaltschaft. Wissen, Position, Weisungsbefugnis – alles Schlagworte, die seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe des „systematischer körperlicher und mentaler Missbrauch“ Ende 2024 am Stützpunkt Stuttgart geklärt werden müssen. Bis jetzt mit Hölzl als Verbandschef. Aber die Lage ist dynamisch.H. RAIF