INTERVIEW

„Bei 1860 ist alles intensiver!“

von Redaktion

Markus Kauczinski über Druck, Führung und seinen Weg als Löwen-Trainer

Fokus statt Floskeln – an einem mythischen Ort: 1860-Coach Kauczinski beim Interview mit Sportredakteur Uli Kellner – an Lorants früherem Stammplatz im Löwenstüberl.

Lehrer oder Koch: Kauczinski über seinen früheren Plan B.

„Ich bin kein Zauberer“: Markus Kauczinski hat in Karlsruhe, Wiesbaden und Dresden Aufstiegserfahrung gesammelt – auch bei 1860, findet er, könnte es unter gewissen Umständen klappen… © Sampics (3) / Stefan Matzke

München – Das Löwenstüberl ist ein mythischer Ort – und der Stammtisch emotional aufgeladen. Fotos des verstorbenen Werner Lorant hängen an der holzvertäfelten Wand, als würde der legendäre Trainer noch immer über seinem Platz wachen. An diesem Donnerstag sitzt Markus Kauczinski (55) hier, auch er aus NRW stammend und wie der Kultcoach nie um eine Antwort verlegen. Ein Interview über Führungsstil und Löwengebrüll – bei Cappuccino statt „Expresso“.

Herr Kauczinski, wann merkt man als Trainer, ob man zu einem Verein passt?

Ich weiß nicht, ob man das an einem konkreten Punkt festmachen kann. Es ist ein Gefühl, das sich mit der Zeit verfestigt. Irgendwann merkst du, dass du akzeptiert und respektiert wirst – losgelöst vom Ergebnis.

Passt es bei 1860?

(lächelt) Es passt. Am Anfang hast du natürlich so etwas wie Welpenschutz, das ist überall so. Entscheidend ist, was danach bleibt. Ich gehe offen auf die Menschen zu – das liegt in meiner Natur. Und ich spüre von vielen Seiten Anerkennung. Das ist für mein Wohlbefinden extrem wichtig.

Sie hatten Jobs im Norden, Südwesten, Osten – ticken die Uhren bei 1860 anders?

Ja – aber das wusste ich vorher. 1860 ist kein Verein wie jeder andere. Medienlandschaft, Fanbasis, Emotionalität – das ist alles größer, dichter, intensiver. Das stresst mich aber nicht. Wichtig ist für mich, authentisch zu bleiben.

Als gegnerischer Trainer haben Sie die Löwen gerne geärgert …

Das stimmt (grinst). 1860 war einer meiner Lieblingsgegner – warum auch immer.

Wie hat sich Ihr Bild vom Verein verändert, seit Sie mittendrin sind?

Es hat sich nicht verändert, nur präzisiert. Die Fanbase ist riesig, leidenschaftlich, vielfältig. Es gibt viele Meinungen – aber alle sind sehr nah beim Verein.

Spürt man bei 1860 mehr Druck als anderswo?

Druck ist immer ein eigenes Konstrukt. Er entsteht im Kopf – nicht durch das, was andere erwarten. Mein Anspruch ist hoch, ja. Aber mein größter Druck entsteht dann, wenn ich merke: Wir haben uns etwas vorgenommen – und es nicht umgesetzt. Dafür brauche ich niemanden von außen. Das weiß ich selbst. Bestes Beispiel ist unser Spiel in Regensburg.

Sie sprechen das 0:4 im November an. Danach hat sich etwas verändert. Wie gelingt so ein Umschwung?

Es war keine einzelne Ansprache, kein Zauberwort. Wichtig war mir, nichts schönzureden. Weder mich noch die Spieler in Schutz zu nehmen. Gleichzeitig aber sachlich zu bleiben, zu analysieren, zuzuhören.

Hilft Ihnen in solchen Situationen eher das Bauchgefühl oder die Erfahrung?

Das eine schließt das andere nicht aus. Mein Bauchgefühl speist sich aus Erfahrung. Heute weiß ich: Ein schlechtes Training sagt nichts über ein Spiel aus. Ich bin schon hundertmal mit schlechtem Gefühl reingegangen – und habe gewonnen. Und umgekehrt. Ich habe gelernt loszulassen. Abbrechen, Feierabend, spazieren gehen – manchmal ist das die beste Lösung. Morgen ist ein anderer Tag. Man darf nicht immer den heiligen Gral suchen.

Sind Sie heute ein besserer Trainer als vor zehn oder zwanzig Jahren?

Ich bin anders. Früher war ich impulsiver, lauter, manchmal ungerecht. Da war viel Energie drin – und die kann auch etwas bewirken. Heute bin ich reflektierter, souveräner, höre besser zu. Das macht den Weg besser, aber nicht automatisch das Ergebnis. Fußball hängt von so vielen Faktoren ab.

Sie wirken, als könnte Sie nichts schocken.

Das scheint nur so. Was immer hilft: sich in die andere Seite hineinzuversetzen. Keiner spielt mit Absicht schlecht. Man ist ja nicht nur Trainer, sondern auch Mensch. Du musst entscheiden, wer du sein willst. Manchmal vermisse ich die Zeit, in der ich Leute angeschrien habe (lacht). Mache ich heute auch noch – aber selten. Es gibt viele Wege zum Erfolg.

Sie sagen, Sie hören heute besser zu. Diskutieren Sie auch mit Spielern?

Unbedingt! Früher habe ich so lange geredet, bis der Spieler meine Meinung übernommen hat. Das hat mich an meinem früheren Ich genervt. Heute kann ich akzeptieren, dass zwei Sichtweisen gleichzeitig richtig sein können. Ich höre zu, sammle Ansichten, entscheide dann. So entsteht für mich das Gefühl, Herr der Lage zu sein.

Hat es je an Ihrem Selbstvertrauen gekratzt, kein Ex-Profi zu sein?

Zu keinem Zeitpunkt. Ex-Profi zu sein macht keinen automatisch zu einem besseren Trainer. Und das, was mir vielleicht an Kabinenerfahrung fehlt, mache ich mit anderen Dingen wett. Man sagt mir eine natürliche Autorität nach. Und ich habe so viele Spiele erlebt – 400, 500 als Trainer. Da kann mir keiner mehr viel vormachen.

Was wären Sie geworden, wenn es mit dem Trainer nicht geklappt hätte?

Ich habe mich nie im Büro gesehen, bin kein Typ für 9-to-5. Lehrer vielleicht. Oder Koch. Am Herd etwas entstehen zu lassen – da gibt es Parallelen. Aber dieser Adrenalinkick im Fußball, der hat mich immer gereizt.

Thema Kader: Sie bleiben immer ruhig – trotz der vielen Ausfälle.

Das ist Pragmatismus aus Überzeugung. Ein Spieler macht dich nicht automatisch besser. Manchmal suggeriert man: Mit einem Transfer hätten wir zwei Tore mehr. Das ist oft blinder Aktionismus. Der Markt ist überschaubar. Wir gehen Dinge nur an, wenn wir wirklich überzeugt sind.

Am Montag schließt das Transferfenster. Kommt noch jemand?

Wir haben nichts ausgeschlossen. Aber auch nichts abgeschlossen. Wenn sich etwas ergibt, das uns überzeugt und machbar ist, ja. Wenn nicht, dann nicht. So einfach ist das.

Sigurd Haugen ist zurück im Training – zumindest teilweise.

Er fühlt sich gut. Mit Maske ist das Risiko gering. Aber wir bleiben vorsichtig.

Wenn Sie in einem Jahr zurückblicken…

… dann denke ich, dass ich ein gutes Gefühl habe. Ich genieße, dass es läuft – und weiß jetzt schon, dass auch schlechtere Zeiten kommen. Entwicklung ist nie geradlinig. Entscheidend ist, wie man Wellentäler durchschreitet – mit Würde.

Frage an den verhinderten Koch: Welches Rezept bringt einen Aufstieg? Sie haben es ja in Karlsruhe und Wiesbaden erlebt…

Und in Dresden zu fünf Sechstel (lacht). Als Team brauchst du eine bestimmte Energie. Ausdauer. Natürlich auch Qualität. So banal es klingt: die Fähigkeit, Tore zu machen und zu verhindern. Manche Dinge müssen einfach da sein. Ich kann keinen Spieler schneller machen – oder zu einem Kopfballmonster. Ich bin kein Zauberer.

Wie viel davon finden Sie bei 1860 vor?

Wenn wir komplett sind, kann das reichen.

Sie sitzen auf dem früheren Platz von Werner Lorant. Ist so eine Ära vorstellbar?

Natürlich will man immer so lange wie möglich bleiben. Aber das ist kein Selbstläufer. Das entsteht durch Vertrauen – durch schwierige Phasen, die man gemeinsam übersteht. Ob sich das hier ergibt? Wir werden es sehen! Ich weiß nur: Ich bin gerne hier.

Gibt es noch große Ziele, die Sie abhaken wollen?

Je älter man wird, desto wichtiger werden die kleinen Dinge: Gesundheit, Familie, ein gutes Glas Wein mit Freunden. Abenteuer bietet der Fußball genug.

INTERVIEW: ULI KELLNER

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